Gerrit Keferstein wird auf der Athletik-Konferenz 2018 aus seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz zum Thema „Aufbau einer Perfomance-Kultur“ referieren. Weitere Infos zum Programm der Athletik-Konferenz findet ihr hier.
Im Vorfeld befragte Robert Heiduk den Weltenbummler zu seiner sportlichen Entwicklungseschichte.

[RH] In 2008 hast Du ALLOUT Performance eröffnet. Damit warst Du einer der Vorreiter in Deutschland was den Aufbau eines professionellen Dienstleistungsangebotes im Bereich Athletiktraining angeht. Was hat dich zu dieser Zeit motiviert und welche Visionen hattest Du zu dieser Zeit?

[GK] Ich bin 2008 gerade aus den USA zurückgekommen. In Wisconsin hatte ich ein Stipendium und habe Football an der University of Wisconsin-Platteville gespielt. Dort habe ich erlebt wie ein guter Support für einen Sportler aussehen kann. Angekommen in Deutschland hatte ich die Vision ein Team aufzubauen was sich ganzheitlich um die Entwicklung von Sportlern kümmert. Heute ist ALLOUT nicht genau das Team aus Ärzten, Physios und Trainern geworden, wie ich es mir damals vorgestellt habe, sondern die Vision hat sich mit der Zeit an die deutschen Gegebenheiten angepasst. Heute ist ALLOUT ein Team aus Performance Consultants, die eingebettet in Profiteams Prozesse, Kommunikation und Systeme aufbauen um mit diesem Team mehr Spiele zu gewinnen.

[RH] Wie hat sich aus Deiner Sicht die noch junge deutsche Athletiktraining-Branche in den letzten 10 Jahren entwickelt?

[GK] Athletiktraining haben wir in Deutschland ja schon seit zig Jahren gemacht, aber vor ca. 10 Jahren wurde die Hypothese aufgestellt, dass ein Team einen Spezialisten für den Bereich Athletiktraining braucht. Ich denke es ist noch zu früh um zu sagen, ob sich diese Hypothese bewahrheitet hat.

Im Moment versucht Athletiktraining in Deutschland sich noch zu finden und zu definieren.

Gerade ist es in einer Phase in der es versucht in Grenzgebieten ursprünglich anderer Fachbereiche Dinge besser zu machen, weil es der Meinung ist das besser hinzubekommen. Athletiktraining hat sich beispielsweise in den letzten Jahren viel mit Schmerz und Beweglichkeit auseinandergesetzt, was traditionell Gebiete der Physiotherapie sind. Das verärgert Physios. Athletiktraining setzt sich mehr und mehr mit (pflanzlicher) Pharmakologie und konservativer Therapie von Sportverletzungen auseinander, was traditionell Gebiete des Arztes sind. Das verärgert Ärzte. Es setzt sich in den letzten Jahren viel mit Diagnostik- und Datenanalyse auseinander, was traditionell Gebiet des Sportwissenschaftlers ist.

bildschirmfoto202018-05-1120um2009-22-07 Das verärgert Sportwissenschaftler. Es verärgert die anderen Gebiete, aber wenn sie ehrlich sind auch deshalb, weil die Athletiktrainingszene sie darauf aufmerksam gemacht hat, dass sie geschlafen haben. Die Athletiktrainingszene ist eine Szene mit Idealisten, die durch ihr forsches Auftreten überall aneckt. Das führt zu frischem Wind, und dazu, dass alle ihre Verantwortungsbereiche nochmal überarbeiten. Insgesamt eine geile Entwicklung. Aber am Ende des Tages geht es doch darum, dass man als Team gewinnt und jeder das einbringt was er selber am besten kann. Athletiktraining in Deutschland ist gerade dabei herauszufinden, was es denn selber wirklich am besten kann.

[RH] Reden wir über die Zukunft der deutschen Athletiktraining-Szene: Welche Chancen, Poteniale und RIsiken siehst Du?

[GK] Wenn wir als Team aus Athletiktrainern, Ärzten, Trainern, Physios, Back-Office und Sportlern erfolgreich sind wollen, dann sollten wir nicht über Jobs/Rollen/Positionen sprechen, und mehr über Verantwortungsbereiche. Jedes Team hat Verantwortungsbereiche die abgedeckt werden müssen. Taktik, Technische Entwicklung, Spielereinkauf, Schmerztherapie, eingeschränkte Beweglichkeit, Kraft, Schnelligkeit, Wahrnehmung, Marketing, usw…Wenn man alle Verantwortungsbereiche in einem Team auflistet, dann geht es darum, dass jeder abgedeckt ist und keiner doppelt. Dann funktioniert ein Team. Wenn wir uns aber nur über unsere Rolle, unseren Titel oder unsere Position identifizieren, dann ist das schädlich für Teamwork. Die Athletiktraining-Szene sollte herausfinden welche Verantwortungsbereiche kein anderer besser abdecken kann als sie selber. Und ich denke wir sollten sehr stark darin werden Dinge gemeinsam mit anderen zu lösen.

[RH] Was war seiner Zeit der Anstoß für die Gründung des ALLOUT Gym in Bonn, und was waren genau die Aufgbanefelder im Gegensatz zum ALLOUT Performance?

[GK] Ich war 19, hatte keine Kontakte im Profisport, aber wollte ein Team und Unternehmen aufbauen was im Profisport aktiv ist. Für mich war die logische Konsequenz, dass wir eine Homebase brauchen in der wir Erfahrung sammeln, Trainer ausbilden können und auch den nötigen Cashflow generieren können um als Unternehmen wachsen zu können. Also haben wir das Gym aufgemacht und haben lokale Sportler aus American Football, Handball, Badminton, und Basketball trainiert. Immer mehr wurde es auch für Nicht-Sportler interessant. Am Anfang hatten viele Leute noch Angst.

Wir waren das erste Gym in Deutschland mit Kunstrasen.

Eine Kettlebell hatte auch noch kaum einer gesehen zu der Zeit. Aber mit der Zeit sind mehr und mehr Leute gekommen, das Gym wurde belebter und so haben sich langsam ALLOUT Performance, als Profisportberatung und ALLOUT Gym, als Trainingsstätte für Sportler und Nicht-Sportler voneinander inhaltlich distanziert.

[RH] Nach 10 Jahren hast Du einen Schlussstrich unter Deine ALLOUT-Aktivitäten gezogen. Was war der Grund dafür?

[GK] Es gibt so viele verschiedene Gründe. Zum einen war es mir immer so wichtig ein Unternehmen aufzubauen, was meinen Freunden und mir einen Job ermöglicht den wir lieben und mit dem wir so vielen Menschen etwas gutes tun. Soviel wurde daran gezweifelt, dass man damit jemals Geld verdienen kann. Als es erreicht war und das Unternehmen stabil war, hatte ich das Gefühl, dass die nächste Generation dran ist. Für mich persönlich war mein Medizinstudium abgeschlossen, ich hatte 10 Jahre gecoacht, das Unternehmen geführt, Vorträge gehalten, ein Buch geschrieben, und Medizin nebenher studiert.

Die Frage „Wie kann man emotionale, mentale, und physische Leistung optimieren?“

Hat mich 10 Jahre Tag und Nacht begleitet. Es war Zeit für mich eine andere Frage zu stellen, oder herauszufinden, ob es nicht vielleicht eine wichtigere Frage gibt.

[RH] Derzeit führst Du als Perfomance Doc ein Nomaden-Leben. Was hat Dich zu diesem neuen Schritt bewogen?

[GK] Das ist vielleicht so wie jemand der aus einer super Boygroup aussteigt und sich als Solo-Künstler versucht 🙂 Ich liebe die Jungs von ALLOUT, aber es war Zeit für mich was eigenes nur für mich zu machen. Meine Freundin und ich haben vor fast zwei Jahren angefangen alles was wir besitzen zu spenden oder zu verkaufen.

Seit Ende letzten Jahres besitzen wir nur noch unsere Rucksäcke und ziehen durch die Welt.

Dort wo wir gerade sind treffe ich Leute von denen ich lerne, oder denen ich helfe, schreibe an meinem Blog, schreibe an meinem neuen Buch, oder geniesse einfach nur die Zeit und Natur. Die Persona „Performance Doc“ ist entstanden, weil ich überall wo ich hinkomme nicht nur gefragt werde wer ich denn bin, sondern auch was ich denn mache. Und Prinzipien des Spitzensports auf die Medizin zu übertragen und Prinzipien der Medizin auf den Spitzensport zu übertragen, das ist das was mir am meisten Spass macht, und das was ich am besten kann.

[RH] Welche Interessenschwerpunkte verfolgst Du im Moment und hast Du bestimmte Entwicklungsziele für Dich selbst?

[GK] Im Moment befasse ich mich sehr viel mit Kohärenz, Philosophie, Bewusstsein, dem Mikrobiom, und Autoimmunerkrankungen. Im Moment macht es mir einfach nur tierisch viel Spass Zeit mit anderen Menschen zu verbringen, und zu erleben wie jeder andere Lösungen findet. Der Mensch ist einfach faszinierend. Er findet immer eine Lösung. Ich habe den Traum davon demnächst eine kleine Klinik zu eröffnen für Menschen mit chronischen Krankheiten, und Sportler mit Regenerationsproblemen. Die Zeit ist noch nicht dafür gekommen, aber wenn es soweit ist, werden wir es wissen und anfangen.

[RH] Vielen Dank und viel Erfolg!

Wir freuen uns auf einen spannenden Vortrag von Gerrit auf der Athletikkonferenz. Wollt ihr auch teilnehmen und viele spannende Aussteller und Vorträge besuchen? Meldet euch hier an.