Letzter Teil von Robert Heiduk im Gespräch mit Henk Kraaijenhof.

 

[RH]: Welche Rolle spielen die Umweltbedingungen bei der Talententwicklung?

[HK]: In Holland oft eine Zufallsfrage, denn wir haben bei 17 Millionen Einwohnern keinen großen genetischen Pool, wie in China, den USA oder vielleicht auch in Deutschland. Leichtathletik ist im Gegensatz zum Eisschnellauf oder Fußball nicht so populär und wir haben beschränkte Mittel. Die erste Leichtathletik-Trainingshalle gab es erst Anfang der 2000er Jahre und noch immer haben wir nur zwei, drei Anlagen in ganz Holland. Das macht das Training im Winter schwierig. Deshalb bin ich als Trainer immer nach Deutschland gefahren, wo es dieser Hallen gab.
[RH]: Schaut man sich die Finale internationaler Spitzenwettkämpfe an, scheint das Motto „White men can’t sprint“ zu gelten. Inwiefern sind die Gene der ausschlaggebende Faktor?
[HK]: Ich hatte das Glück 13 Jahre lang ein Mädchen zu trainieren, die zweimal Weltmeisterin und fünfmal Europameisterin auf 60 Meter in der Halle war. Nelli Cooman war ihr Name. Jetzt habe ich angefangen ihre 18 Jahre alte Tochter zu trainieren, die nun mit dem Gedanken spielt Leichtathletik als Wettkampfsport zu betreiben, nachdem sie zuerst Hockey gespielt hat.
Sie hat bislang noch nie einen Freiluft-Wettkampf gemacht, ist dieses Jahr aber mit nur drei Monaten Training erstmals in der Halle 60 Meter gelaufen und hat in 8,06 gewonnen. Das ist nicht superschnell, aber eine solide Basis auf der man aufbauen kann. Sie hat gute genetische Anlagen, sehr viele schnelle Muskelfasern, das haben wir alles schon getestet. Sie hat zudem eine sehr gute Reaktionszeit, ihr Nervensystem ist außerordentlich gut entwickelt für den Sprint.
[RH]: Gilt nach deiner Erfahrung auch im Sprint-Bereich die 10-Jahres-Regel?
[HK]: Ja, acht bis zehn Jahre bis die Weltspitze erreicht ist – wenn alle Begleitumstände ebenfalls stimmen. Aber je entfernter die Zukunft, desto schwieriger ist es gute Prognosen zu machen. Ich habe keine Kristallkugel in der man die Zukunft sehen kann, aber wenigstens versuchen wir das Beste daraus zu machen.
[RH]: Wo liegt der Unterschied zwischen einem richtigen Talent und einem guten Sportler?
[HK]: Den Unterschied würde ich mehr mit mentalen Faktoren beschreiben. Klassische Talent-Testung setzt sich jedoch nur mit konstruierten motorischen Eigenschaften auseinander. Für eine komplexe und gültige Talenterkennung scheint es hier Diskrepanzen zu geben, die man nicht mit den klassischen sportmotorischen Testungen nicht lösen kann, denn

wie testet man Spielintelligenz, Lernfähigkeit, Motivation oder Durchsetzungsvermögen?

[RH]: Du vertrittst also mit dem Ansatz der biopsychosozialen Einheit auch emotionale und motivationale Faktoren und stellst die Gültigkeit klassischer sportmotorischer Tests in Frage?
[HK]: Ja, das ist einer der Irrwege, dass man immer versucht – und das ist ziemlich menschlich – mit limitierten Faktoren das ganze Leistungsspektrum darzustellen und eine komplexe Leistung zu prognostizieren. Beispielsweise einen Lakattest und dann weiß man, wie schnell ein Läufer laufen wird. Technik und Taktik, mentale Faktoren sind dann scheinbar nicht mehr wichtig. Oder nur Explosivkraft und alle anderen Faktoren werden vernachlässigt. Diese Vorgehensweise ist heute oft zu beobachten, aber das ist nicht adäquat um Spitzenleistungen vorzubereiten oder zu prognostizieren. Man muss viel, viel mehr Faktoren ins Auge fassen und sinnvoll verknüpfen.

[RH]: Vielen Dank!