Teil 4 von Robert Heiduk im Gespräch im Henk Kraaijenhof.

 

[RH]: Du hast immer wieder kritisiert, dass die Grundlagenausbildung von vielen Trainern zu wünschen übrig lässt. Welche Möglichkeiten siehst du dieses Problem zu verbessern?

 
[HK]: Ich habe Ausbildungen in Kanada, den USA, China, Australien, Belgien, Holland und der Schweiz geleitet. Überall haben die Trainer die Neigung sich an den neuesten Trends und Moden zu orientieren, statt an den Grundlagen. Die fehlen oft, denn die Grundlagen machen keinen Spaß, die Grundlagenerkenntnisse kosten Zeit. Es gibt auch wenig Respekt gibt für Erfahrungserkenntnisse oder empirische Erkenntnisse.

Aufgrund einzelner wissenschaftlicher Artikel kleiner Untersuchungen höre ich oft: „Henk, ich habe gelesen dass …“ –

eine kleine, total unwichtige Untersuchung, die keinerlei Aussagekraft hat findet durch virale Verbreitung zu unverhältnismäßiger Zitierung. Da ist nur eine Gruppe von ganz mittelmäßigen Sprintern, die laufen 12 Sekunden und dann denkt man, dass so etwas relevant für das Training von talentierten Elite-Sprintern ist.

Der praktische Wert der heutigen Sportwissenschaft für den Elite-Sport ist beschränkt. Speziell von dem was aus Deutschland kommt, da bin ich ein bisschen enttäuscht. Die deutsche Sportwissenschaft hat bis Ende der 1980er Jahre unglaublich viel für den Spitzensport geleistet. Heute kann man das was aus Deutschland kommt eigentlich vernachlässigen. Das enttäuscht mich offen gestanden, denn mein Bücherschrank ist gefüllt mit deutschen Büchern, aber in den letzten Jahrzehnten gab es kein deutsches Buch mehr, was ich wert fand zu kaufen.

 
[RH]: Betrachten wir die Olympischen Spiele 1988, wo allein die DDR mit nur 16 Millionen Einwohnern über 100 Medaillen gewann: Siehst Du hier einen Zusammenhang zum Umgang der BRD mit dem Sporterbe der DDR?

 
[HK]: Ja, ich glaube schon. Die politisch motivierte und einseitig verzerrte Darstellung des DDR-Sports von westlicher Seite darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier sehr viele intelligente und verantwortungsbewusste Menschen an Training, Leistung und Anpassung des Organismus geforscht haben. Damals gab es aber auch den Konkurrenzkampf von Ost und West und jetzt, wo dieser weg ist, stagniert man in Deutschland.
Nach der deutschen Wiedervereinigung gab es die akuten Effekte einer sportlichen Kapitalflucht zu beobachten, wo viele Weltklasse- DDR-Trainer ins Ausland abwanderten. Schade, das im deutschen Nachfolgesystem scheinbar kein Platz mehr für diese Trainer-Elite war. Irgendwo ist das für mich als Ausländer schwierig zu verstehen, was da alles schief gegangen ist, aber das Verschwinden des DDR-Spitzensports hat sicherlich mit dem Niedergang des Gesamtdeutschen Leistungssports zu tun.