Henk Kraaijenhof im Gespräch mit Robert Heiduk Teil 2

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[RH]: Henk, Du hattest bei der Athletik-Konferenz 2017 in unserer Video-Zusammenfassung resümiert: „Technologie hat große Komplexität – aus guten Trainern macht es bessere Trainer und aus mittelmäßigen macht es schlechtere Trainer“. Warum?

[HK]: Früher war Technologie ein Werkzeug. Man hat einen Hammer oder Pfeil und Bogen zum Schießen oder wir haben Computer, haben Dampfmaschinen gehabt. Diese Werkzeuge waren uns zu Diensten. Heute steht der Mensch im Dienst der Technologie.

Die jungen Trainer werden überschwemmt von allerhand Apps , Gadgets, Tools und Technologien, die Grundlagen wird jedoch vergessen. Die gucken nicht zum Athleten oder kommunizieren mit dem Athleten, die gucken nur auf den Laptop oder auf das Handy was mit dem Sportler los ist.

„Daten sind nicht Informationen“

Heute gibt es viele Daten, die komplett nutzlos für die meisten Trainer sind. Daten sind nicht Informationen. Ein Vergleich: Früher hatte man beispielsweise Telefonbücher mit Zehntausenden von Telefonnummern, also viele irrelevante Daten im Falle eines Falles.

Ich habe lieber ein Notizbuch, wo ich genau weiß, welche Person ich wann anrufen sollte. Ich habe weniger Daten, aber mehr Informationen, die ich herausziehen kann. Das Problem der heutigen Daten-Diarrhö ist beurteilen zu können was wirklich wichtig und relevant ist. Die meisten Leute sind nicht in der Lage das zu erkennen, was für Training signifikant und relevant ist. Die Leute haben keinen funktionierenden Filter mehr, das ist auch das große Problem des Internets.

[RH]: Das heißt, letzten Endes ist es nicht die Menge an Daten, sondern die richtigen Daten und die richtige Interpretation von Daten?

[HK]: Ja genau, genau. Nicht „Big Data“, sondern „Small Data, but relevant Data“ – das ist eigentlich wichtiger. Die Technologie verdrängt zunehmend den Menschen. Es entwickelt sich zu einer Verunmenschlichung des Trainings, da alles versucht wird technologisch zu lösen. Wir sind Menschen, wir haben menschliche Probleme, die nur Menschen lösen können und nicht Roboter oder Computer, obwohl ich niemals Technologie gescheut habe. Ich bin nicht konservativ, ich wende sehr viel Technologie an, das geht klar aus meinen Trainingskonzepten hervor. Nur gehe ich mit dem tatsächlichen Nutzen de jeweiligen Technologie kritisch um.

„Die Leute haben keinen funktionierenden Filter mehr“

[RH]: Kannst Du ein kleines Beispiel nennen, inwiefern die Technologie im sportlichen Training ihre Grenzen hat?

[HK]: Sagt der Sportler: „Okay, ich bin müde.“ – „Warum bist du müde?“ – „Ja, das sagt meine Uhr: Ich bin müde.“ –  „Deine Uhr sagt, dass du müde bist? Wie kann eine Uhr das sagen?“ Wir sind gerade dabei zu lernen auf  Technologie zu vertrauen – nur auf Technologie -das finde ich bedenklich.

[RH]: Wie kann denn Technologie sinnvoll genutzt werden?

[HK]: Besser wäre eine eine Zusammenarbeit von Artificial Intelligence und Human Intelligence. Wenn die beiden zusammen arbeiten, bist du unschlagbar, aber nur Artificial Intelligence, das sind nur Daten ohne Ergebnis. Die menschliche Aufnahmekapazität ist aber auch beschränkt, denn wir können nicht alles sehen. Im Sprint-Bereich können wir nicht sehen, was die Kontaktzeit oder die Flugzeit ist, die Änderung der Kniewinkel im vollen Sprint. Das können wir nicht sehen, da ist Technologie sinnvoll und liefert neue Einsichten.

[RH]: Henk Kraaijenhof war und ist ein Early Adopter in allen möglichen Technologien. Welche zukünftige Entwicklungstendenzen siehst du speziell im Bereich im Schnelligkeitstraining?

[HK]: Die Bedeutung des Nervensystems wird als immer wichtiger erkannt, nicht nur die Muskeln oder die Biomechanik. Ich glaube diese Erkenntnis kommt durch die Fortschritte aus den Neurowissenschaften. Durch sie verstehen wir besser was im Kopf los ist und betrachten nicht nur Muskeln, Kniewinkel, Laktat oder aerobe oder anaerobe Bereiche. Ich glaube dies ist eine begrüßenswerte Entwicklung.

Aber es dauert immer 15 bis 20 Jahre bis diese neuen Ergebnisse aus den Laboren der Wissenschaft, auf die Leichtathletik-Anlagen bis zum Trainer kommen. Diese Zeit ist viel zu lange. Es gibt so viele neue Sachen, wovon Trainer keine Ahnung haben, weil das Grundlagenwissen fehlt, stattdessen kaufen sie die neusten Apps oder folgen ihrem Guru auf Facebook oder Instagram.