Robert Heiduk [RH] befragte, im Vorfeld der Athletikkonferenz 2018, in einer Interview-Reihe, den niederländischen Weltklassetrainer Henk Kraaijenhof [HK] zu verschiedenen Aspekten von Sport und Training.

Henk Kraaijenhof wird am Freitag dem 14.09.2018 bei der Athletikkonferenz einen Vorkonferenz-Workshop zum Thema „Schnelligkeitstraining – Mythen und Realität“ geben. Hier findet ihr mehr Informationen zum Workshop, weiteren Sprechern und dem Programm . Tickets inklusive Frühbucherrabatt bekommt ihr hier

Photo by Gordon Flood – originally posted to Flickr as Man Utd V Arsenal, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4116684

[RH]: Im Moment läuft die Fußball WM in Russland. Fußball ist auch in Holland die Sportart Nummer eins. Was bedeutet das für den Rest der Sportarten?

[HK]: Ein guter Freund von mir ist Direktor einer der besten Fußballvereine von Holland, er war zudem olympischer Volleyball-Trainer und hat mir die Augen geöffnet, als er sagte:

„Henk, sehe Fußball nicht durch die Augen des Spitzensportlers, sondern sehe Fußball durch die Augen von zwei Sachen: Business und Entertainment.“

Geschäfte und Unterhaltung. Dazu kommt noch der Aspekt der sozialen Kohäsion: Alle Holländer sind für das Oranje Team, das bringt die Leute zusammen. Ein Leichtathlet oder Eisschnellläufer bringt das Volk nicht zusammen, aber die Fußballmannschaft schon.

Wenn man Fußball durch diese Brille sieht, dann erahnt man, was hinter den Kulissen los ist. Aus der Sicht eines Leichtathletiktrainers hat das mit Sport wenig zu tun. Da geht es um Transfersummen, halb leere Stadien, die dann durch die Gemeinden an Konzerne verkauft werden, es geht um unglaubliche Schulden der Fußballvereine, wo  Konzerne diese Vereine sponsern. Es sieht tatsächlich so aus, als ob die Dominanz des Finanzkapitals im Fußball auf die Kosten der anderen Sportarten geht.

Die Gladiatoren tragen jetzt Fußballschuhe, nicht Schwerter und Schilde

[RH]: Also ist Fußball praktisch das „Brot und Spiele“ der Neuzeit? Die Fußballer Gladiatoren in der Arena und die Währung sind die Emotionen der Zuschauer?

[HK]: Ein bekannter holländischer Fußballtrainer hat einmal gesagt:

Spitzenfußball ist wie Krieg. Bist du zu lieb, bist du verloren“. [Rinus Michels]

Da hat er wohl möglich recht gehabt. Es ist ein Kampf in sozial akzeptierter Form. Es gibt zwei Mannschaften, es gibt Führer, Fahnen, nur die Gladiatoren tragen jetzt Fußballschuhe und keine Schwerter und Schilde.

[RH]: Welche Rolle spielen die Medien bei so einem Spektakel?

[HK]: Die Medien formen die Wahrnehmung des Publikums, lenken den Fokus. Das kann sehr vorteilhaft, aber auch sehr nachteilig sein. Gerade die Mainstream-Medien transportieren keine Fakten, sondern vornehmlich Emotionen. Der moderne Sport repräsentiert größtenteils emotionale Werte, z.B. dass man traurig ist, wenn die eigene Mannschaft verliert und dass man himmelhochjauchzend ist, wenn die Mannschaft gewinnt – das scheinen wir zu brauchen.

Ich frage jedoch: Wozu brauchen wir eine Goldmedaille oder einen ersten Platz bei der Fußballweltmeisterschaft? Ich bin auch ohne dem glücklich – ob meine Athleten gewinnen oder verlieren, das tut mir nichts ab von meinem Glück oder meiner Stimmung.

Ein Fußballspieler der müde ist – das ist kein fauler Millionär

[RH]: Wie siehst Du die Situation des Trainings im Fußball? Auch der Fußball hat an Know-how bezüglich Training gewonnen. Traditionell profitieren die Spielsportarten von den Erfahrungen der Einzelsportarten, weil man da genau weiß, was wirkt und was nicht. Du hattest ja mal auch für Juventus Turin gearbeitet. Was war genau da deine Aufgabe und wie konntest du da auf die Leistungsfähigkeit der Spieler einwirken?

[HK]: Ich war als Berater vom Konditionstrainer im Krafttraining und der Ernährung aktiv. Die Professionalität von Spielern und Stab war sehr gut, aber es gab ja auch keine Amateure, alle waren sehr gut bezahlt für jede Dienstleistung. Als Leichtathletik-Trainer wirst du dagegen überhaupt nicht bezahlt für deine Dienstleistung.

Man macht das nur ehrenamtlich oder nur als Hobby und bei Juventus gab es hochprofessionelle Leute, die gut bezahlt wurden. Am Ende profitiert das Fußballtraining speziell im Bereich Konditionstraining von den Individual-Sportarten, z. B. Von Methoden des Schnelligkeitstrainings, Kraft- und Ausdauertrainings, aber auch vom Wissen über Ernährung. Im Fußball war das früher nur ein „Wir essen jetzt ein Steak und Pommes“ – und das war es schon. Bis vor Kurzem war das auch noch okay.

Spitzensportler und speziell Ausdauerathleten oder Bodybuilder wussten schon viel früher mehr über Ernährung als jeder Fußballer oder Ernährungsberater. Ich glaube wir konnten seinerzeit bei Juventus schon viel bewirken. Allein das Schärfen des Bewusstseins über Ernährung und die Wirkungen von Training und auf den Körper. Dass auch ein Fußballspieler müde sein kann, dass er das nicht nur sagt, weil er ein hochbezahlter Millionär ist, der nur faul ist und nur in der Disco seine Zeit verbringt, dass der auch richtig müde sein kann, dass sich auch ein Fußballspieler überlasten kann – diese ganze Belastung, nicht nur vom Sport, aber auch vom Privatleben und auch vom Druck der Medien…. Ich kann nicht mal ruhig in einem Restaurant sitzen ohne Fotos, ohne Selfies und so weiter. Dass dies alles in der Summe belastend und stressvoll ist, das ist auch wichtig zu lernen in dieser Sportart.

Belastungsmanagement ist komplex

[RH]: Das Belastungsmanagement spielt eine große Rolle und scheint noch nicht in der vollen Komplexität erkannt. Vielleicht auch aus dem Grund, weil zu viele einzelne Spezialisten um diese Sportler herum aufgestellt sind?

[HK]: Genau, wenn der Spieler in der ersten Hälfte bei Juventus gut spielt, in der zweiten Hälfte ganz schlecht spielt, sagt der Ernährungsberater: „Oh, der hat falsch gegessen oder getrunken. Es ist eine Ernährungsfrage.“ Der Psychologe sagt: „Es ist eine Stressfrage, eine Druckfrage. Er konnte den Druck in der zweiten Hälfte nicht bewältigen“. Der Konditionstrainer sagt: „Ja, das habe ich schon gesagt, der ist müde, der hat keine Ausdauer“. Jeder Spezialist schaut nur durch seine eigene Brille.

[RH]: Das ist auch das aktuelle Problem des Sportlers oder Spielers, der gar nicht mehr weiß, wem er sich eigentlich anvertrauen soll oder wer seine Bezugsperson ist, was früher ganz anders war. Da gab es eine oder zwei Bezugspersonen und jetzt gibt es einen ganzen Stab an Beratern und Spezialisten. Gerade wenn man sehr jung ist und noch nicht voll von der Persönlichkeit ausgereift, wie es ja oft im Profisport, gerade im Fußball, der Fall ist, dann hat man sicherlich auch ein Problem, was seinen Werdegang oder seine Persönlichkeitsentwicklung angeht, weil jeder will  irgendwie ran, jeder will sich mit einem Selfie bei Instagram neben dem Fußballer fotografieren: „Guckt mal, den trainiere ich!“.

Der Trainer ist ein Synthetiker

[HK]: Ja, das ist ein Problem. Man weiß nicht mehr, was da los ist. Jeder Spezialist kommt mit seiner eigenen Problemlösung und da hat der Spieler eigentlich keine Ahnung mehr, was das richtige Problem ist. Der Trainer sagt: „Du hast kein Problem, du hast nur schlecht gespielt und nächste Woche machen wir es besser“, statt zum Psychologen zu gehen und seine Ernährungsmaßnahmen zu ändern oder mehr Ausdauertraining zu machen in dieser Woche. Das Wichtige, wenn man ein Problem konstatiert und eine scheinbare Lösung hat für das Problem – das ist das Problem des Spezialisten. Der Trainer denkt nicht in Problemen, der Trainer denkt in Lösungen – und das ist auch gut so. Alle sind Analytiker und der Trainer ist ein Synthetiker. Es ist einfach ein Fußballspiel oder einen 100-Meter-Lauf zu analysieren, wie viele Schritte, Kontaktzeiten, Schrittfrequenz und so weiter – das können wir alle, das ist kein Problem. Nehmen wir dein Handy, du nimmst einen Schraubenzieher und nimmst das auseinander und hast 200 Teile dort liegen. Das eine Problem ist, du erkennst es nicht mehr als Handy. Das zweite ist, es arbeitet nicht mehr, denn es ist auseinander genommen. Drittesn, versuche es doch einmal wieder funktionieren zu lassen, wieder aufzubauen, das ist schwieriger. Trainer sind Synthetiker, die Leistung in ihrer komplexen Form entwickeln – das ist schwierig. Alles auseinanderzunehmen und zu analysieren ist einfach. Die Bildung eines Spielers ist eine schwierigere Aufgabe. Das lernt kaum jemand, jeder ist Analytiker geworden.

[RH]: Danke!

Wir freuen uns auf einen spannenden Workshop mit Henk Kraaijenhof auf der Athletikkonferenz. Wollt ihr auch teilnehmen und viele spannende Aussteller und Vorträge besuchen? Meldet euch hier an.

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Ausführliches Interview mit Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen, Ludwig-Maximilians-Universät München zur inszenierten Realität (im Fußball) durch die Medien: