Wir befragten Sportwissenschaftler Dr. Kornelius Kraus von der Universität der Bundeswehr München zum Thema Regenration, Big Data und Verletzungsprognosen. Kornelius wird in diesem Jahr bei der Athletikkonferenz als Referent einen Vortrag zur Thematik „Regeneration analysieren und Interventionen abstimmen“ halten. Hier findet ihr mehr Informationen zu weiteren Sprechern und dem Programm der Athletikkonferenz. Tickets inklusive Frühbucherrabatt bekommt ihr hier.

[ATK ] Regeneration gehört zum Training dazu, klar. Aber gibt es hier ein ähnlich systematisches Vorgehen, wie bei der Planung und Durchführung von sportlichen Belastungen?

[KK ] Systematische Verfahren gab es schon immer, wobei es stark von den entscheidenden Personen abhängt. In vielen Situationen vertraut man noch heute auf die Intuition eines Arztes oder Cheftrainers. Doch die Zahl von Überlastungsverletzungen wie Stressfrakturen oder Muskelfaserrisse geben einen starken Hinweis darauf, dass die Fehlerquote bei diesem Ansatz recht hoch ist.
Trainer sind sich schon lange bewusst, dass Belastung und Erholung wichtig sind.

Schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts haben pfiffige Trainer mit Ideen zur geplanten Erholung experimentiert, auch das Modell der Superkompensation zählt in diesen Prozess mit rein. Zum Beispiel lassen sich erste Prototypen der Foamroll in den 1940er Jahren finden. Auch die Massage wurde schon in der Antike, vielleicht sogar noch früher, eingesetzt. Daher empfehle ich unbedingt die Tastbefunde von geübten Therapeuten in irgendeiner Form zu nutzen.

Professor Atku Viro zum Beispiel hat sich über mehrere Jahrzehnte sehr intensiv mit Hormonen und Stoffwechselprodukten als mögliche Indikatoren für Überlastungen beschäftigt. Heinrich Bergmüller hat u.a. bei Hermann Maier Laktat und Ammoniakmessungen mit großem Aufwand über mehrere Jahre erfolgreich durchgeführt. Henk Kraaijenhof nutzte bereits in den 80er Jahren die Muskelfaserspezifik als elementaren genetischen Faktor und Reaktionszeiten für das Belastungs- und Erholungsmanagement verwendet, auch hier sprechen die Resultate eine klare Sprache.
Frank Mantek setzte bei Matthias Steiner bioelektromagnetischen Methoden zur Steigerung der Mikrozirkulation erfolgreich ein. Auch er vertritt den Ansatz, dass wer viel trainiert auch viel erholen muss.

Ein rein auf Intuition gestützter Ansatz greift auf Großteile des derzeitigen Wissensstands nicht zurück

Die Forschungserkenntnisse aus mehreren Jahrzehnten in der angewandten Psychophysiologie zeigen klar, dass man die Regenerations- und Entspannungsfähigkeit z.B. durch Atemtraining oder durch Biofeedback von Hirn-, Herz- und Muskelströmen, trainieren kann. Heute sind wir technologisch viel weiter. Die Wirksamkeit von Regenerations- und Trainingsmaßnahmen lässt sich mit Apps nachweisen. Ein rein auf Intuition gestützter Ansatz greift auf Großteile des derzeitigen Wissensstands nicht zurück,
sodass die Lerngeschwindigkeit dieses Betreuungsteams gegenüber einem systematisch arbeitenden Betreuungsteam geringer ausfällt.

[ATK ] Big Data ist auch im Sport angekommen. Allesmögliche wird heute analysiert. Wird heute auch Regeneration objektiv analysiert oder verlässt man sich immer noch auf das Wort des Sportlers?

[KK ] Nun, nur das man viel messen kann, heißt nicht das man viel messen muss. Das ist die typische Relevanzdebatte. Der Athlet, Trainer bzw. das Trainerteam müssen sich die Frage stellen, welche Informationen sie brauchen um den Athlet mit dem bestmöglichen Vorbereitungslevel an den Start zu schicken. Hieraus ergeben sich dann weitere Fragen: Ist man Athlet ausreichend bereit für den kommenden Trainingsreiz? Ist er bereit für den Wettkampf usw.?

Hierbei stellt natürlich das Gefühl des Athleten ein schönes Spielzeug dar, weil man einfach und viele Daten sammeln kann. Aber sind die Daten wirklich zu gebrauchen? Meine Erfahrung nach bringt es in der Regel nicht viel. Allerdings können wir es sehr wohl lernen, wenn wir mit Referenzwerten arbeiten. Vor einigen Jahren habe ich intensiv den Einfluss der subjektiven wahrgenommenen Erholtheit und der Sprintleistung untersucht. Es zeigte sich ein geringer Zusammenhang zwischen dem Erholtheitsscore und der persönlichen Sprintleistung, wobei Einzelne durchaus in der Lage waren sich gut einzuschätzen. Dennoch ist dies ein wissenschaftliches Argument gegen subjektive Ratings als alleiniges Steuerungsinstrument.

Wir müssen exaktere Fragen stellen.

Ein Beispiel aus meiner Praxis soll meine Behauptung etwas verdeutlichen. Wenn man als Trainer arbeitet und nach der Erholtheit fragt bekommt man die Antwort „es geht schon“. Nun das stimmt soweit auch, aber die Information ist für mich als Trainer nutzlos, da ich nicht weiß, welches System bereit für den nächsten Trainingsreiz ist. Ist es das aerobe, anaerobe, neuronale, hormonelle System? Was lernen wir daraus für die Praxis? Wir müssen exaktere Fragen stellen.

Erst wenn wir exaktere Fragen stellen, können wir nach den entsprechenden Antworten suchen. Physiologisch gesehen messen wir ja auch nicht die Regeneration, sondern die Regulationsmuster, welche wir dann als Regeneration interpretieren. Ich selbst nutze Tastbefunde, optische Eindrücke sowie Messungen von Hirn-, Herz- oder Muskelströmen wie das Hirngleichstrompotential, Parameter der Herzratenvariabilität und die Muskelspannung. Anhand dieser Informationen ist es auch möglich das Gefühl des Athleten weiterzuentwickeln, dann ist es für mich seine Aussage äußerst wert- und wirkungsvoll. Man muss auch bedenken, dass im Kontext einer potentiellen Vertragsverlängerung im Profisport, Zukunftsängste bei Sportlern in die Antwort miteinfließen, z.B. wenn ein Spieler den Eindruck hat, dass Müdigkeit als Schwäche interpretiert werden könnte. Hier greift dann das Phänomen der sozialen Erwünschtheit.

[ATK ] Derzeit ist das Thema Verletzungsprognose ziemlich angesagt. In öffentlichen Fachdiskussionen werden alle möglichen Tools zu diesem Aspekt diskutiert. Der Faktor adäquate Trainingsplanung unter der Berücksichtigung der individuellen Regenerationskapazität bleibt jedoch weitestgehend außen vor. Wie siehst Du das?

[KK ] Aus wissenschaftlicher Sicht sind Prognosen ein heikles Thema, da die Zukunft nicht vorhersehbar ist. Es gibt es paar Risikofaktoren, die sich in der Vergangenheit gezeigt haben, aber aufgrund derer die Zukunft vorherzusagen ist ein gewagtes Unterfangen. Im Bereich der Verletzungsprognose haben wir es mit einem komplexen System zu tun. Und wenn wir komplexe Systeme einseitig Optimieren müssen wir immer mit einem Crash rechnen. Börsenspekulanten wissen wohl nur zu gut von was ich spreche. Übertragen auf den Sport heißt, dass ich mit einer einseitigen Überlastung die Gesundheit, meines Sportlers auf Spiel setze und eine Verletzung von Athleten aufs Spiel setze. Das wiederum kann einen sportlichen Crash, beispielsweise die Niederlage in einer K-O-Runde bedeuten.

Aus wissenschaftlicher Sicht sind Prognosen ein heikles Thema

Aber zurück zur Prognostik: Alleine die Messung mit dem Hintergrund der Verletzungsprognose und eine mögliche angstmachende Kommunikation beeinflussen das Denken und Handeln von Personen. Somit schafft man zusätzliche Unbekannte in einem komplexen System und erhöht möglicherweise dessen Anfälligkeit. Daher gilt hierbei sinnvoll zu reduzieren. Ein wesentlicher und bisher von der klassischen Wissenschaft wenig beachteter Faktor in diesem Zusammenhang ist die physiologische Belastung-Anpassungsbilanz des Sportlers. Für diesen Bereich wurden von Wissenschaftlern einige Modelle entwickelt, wobei hier häufig Input und Output-Variablen als Steuerungsparameter verwendet werden – also ein Blackbox-Modell, welches weder die Genetik noch die Anforderung der Sportart abdecken.

Ein Belastungs- und Regenerationstool ohne physiologische Variablen halte ich aus praktischer Sicht für nicht valide, da es elementare Informationen der Blackbox nicht enthält. Wie beispielsweise der individuelle Einfluss von neuen Trainingsmethoden, Regenerationsmaßnahmen? Auch stelle ich mir die Frage wie diese Steuerungsmodelle psychophysiologischen Stress abbilden.
Nach meiner Einschätzung läuft man Input- und Output-Variablen hinterher. Es führt aus meiner Sicht zu mechanischem Denken. Jedoch ist für die individuelle Betreuung systematisches und kreatives Denken erforderlich. Außerdem glaube ich, dass man ab und zu in die Blackbox schauen muss um sie besser zu verstehen, da man hierdurch zu neuen Einsichten kommen kann. Allerdings ist dieser Weg deutlich aufwendiger. Nur es ist so, dass noch niemand ohne Anstrengung sehr erfolgreich geworden ist. Für mich jedenfalls fühlt sich dieser Weg besser an.

[ATK ] Das Thema Regenerationsmanagement hat nicht nur im Profi-Sport Bedeutung. Wo siehst Du noch weitere Anwendungsbereiche und welche Faktoren spielen dabei eine Rolle?

[KK ] Überall auf der Welt werden in Zukunft Könner für effektives Regenerationsmanagement gefragt sein, da wir mit den Menschen und der Natur, zumindest aus physiologischer Sicht, unklug umgehen.
Ein Beispiel: In einigen Regionen Afrikas steckt das Potential für drei Ernten, aber die Natur kann sich mit den derzeitigen praktizierten Methoden nicht regenerieren und somit ist vielfach nicht mal eine Ernte möglich. Richtig eingesetzt schaffen es jedoch Könner in sehr schwierigen Regionen wie beispielsweise in den österreichischen Alpen auf 1500 Metern Zitrusfrüchte und Kiwis zu ernten– ein scheinbarer Paradox. Kiwis im Schnee und keine in der Sonne. Wie kann das sein? Nun, das wohl einfachste Erklärungsmodell dafür ist wohl fehlende Bildung.
Direkt auf uns Menschen bezogen ist für jeden der einer hohen Belastung ausgesetzt, das Thema Regeneration wichtig.

Mittlerweile klagen 80% der Deutschen über Schlafstörungen.

Wer nicht richtig schläft, der erholt sich auch nicht richtig, und wer sich nicht erholt kann sich nicht gut konzentrieren und begeht gehäuft vermeidbare Fehler im Alltag. Ich denke da an vermeidbare Situationen im Straßenverkehr oder Vergesslichkeit. Daher ist ein Regenerationsmanagement für den Nachwuchssportler, eine junge Familie aber auch für Pensionierte relevant. Pensionierte oder deren Familien sollten frühzeitig über präventive Maßnahme nachdenken. Da im Alter weniger regeneratives Potential zur Verfügung steht.

Wir brauchen eine andere Wahrnehmung zum Thema Regeneration,

Ich habe HRV-Messungen bei 60-80 jährigen Personen, teilweise mit Herzkreislaufproblemen, durchgeführt. Bei genauer Betrachtung deuten einzelne Messwerte auf Dauerstress unter anderem auf den Herzmuskel hin. Diese Werte sind im Vergleich zu trainierten Sportlern nur über wenige Stunden messbar. Hieraus wird ersichtlich warum das Herz dann irgendwann chaotisch mit einem Infarkt reagiert.

Um auch auf den zweiten Teil der Frage zu beantworten – wir brauchen eine andere Wahrnehmung zum Thema Regeneration, und hierzu müssen wir das Thema besser verstehen wollen und insbesondere das Fehlen von rege nerativen Prozessen thematisieren. Ein Land, das von Ideen, also der Kreativität, lebt, kann auf Dauer nicht so weitermachen. Genauso ist es im Sport: Vom genetischen Pool aus gesehen sind den Deutschen die Amerikaner, die Russen, Chinesen oder Inder weit überlegen. Aber mit Strategie kann man es auch mit relativ begrenztem Talentpool schaffen, siehe Norwegen bei den Olympischen Winterspielen oder Island als Fußball-WM-Teilnehmer.

[ATK ] Viele junge Sportler entspannen sich mit Internetnutzung. Wie gut funktioniert das? Welche Auswirkungen hat die intensive Nutzung von Smartphones oder soziale Netzwerken auf den Organismus?

[KK ] Der Medienkonsum perse ist nicht zwangsläufig entspannend, vielmehr betäubt er manchmal Probleme, was wir dann als Entspannung empfinden. Denn lesen oder sich etwas ansehen sind kognitive Prozesse, und auch dabei entstehen Emotionen, z.B. beim Fußballspiel oder einem Thriller. In Maßen, alles wunderbare Möglichkeiten der Unterhaltung, die wir wohl alle schätzen.

Das Problem bei WhatsApp, Netflix und Co ist die ständige Verfügbarkeit, das Verbreiten einer Scheinwelt und die sofortige Bedürfnisbefriedigung.

Vor wenigen Jahren musste man noch eine Woche auf die nächste Folge warten. Heute kann man sich eine komplette Staffel in einigen Stunden direkt nacheinander ansehen, diese Möglichkeit führt zwangsläufig zu Suchterscheinungen.
Bei WhatsApp werden Jugendliche schon unruhig, wenn jemand 5 Minuten nicht geantwortet hat. Wir erleben gerade eine schwierige Phase, denn das Gehirn kennt nicht wie der Magen ein Sättigungsgefühl, demzufolge brauchen wir viel Disziplin, um verschiedene Dinge nicht zu tun, damit sich der Geist von den Informationen erholen kann.

Denn auch hier gilt, Lernen, findet in der Erholungsphase statt und dazu braucht es Ruhe. Eine äußerst wirkungsvolle Waffe der Natur ist erholsamer Schlaf. Daher schaltet sich bei uns zuhause um 24h der Router aus und auch die Smartphones kommen nicht mit ins Schlafzimmer. Sportler sollten sich die Frage stellen: Welche Vorteile und Nachteile hat es ständig online zu sein? Ist es wirklich ein Zeitgewinn? Funktionieren Absprachen besser mit oder ohne Smartphones? Meine Beobachtung ist, dass die Beliebigkeit zugenommen hat.

[ATK ] Danke!

Wir freuen uns auf einen spannenden Vortrag von Dr. Kornelius Kraus auf der Athletikkonferenz. Wollt ihr auch teilnehmen und viele spannende Aussteller und Vorträge besuchen? Meldet euch hier an.