Interview mit Volker Sutor über Zukunft und Gegenwart der Medizinischen Trainingstherapie.

[atk] Seit fast 20 Jahren unterrichtest Du Physiotherapeuten und Sportlehrer im Bereich der Medizinischen Trainingstherapie. Was sind die wichtigsten Veränderungen der Trainingstherapie in dieser Zeit?

[vs] Die Trainingstherapie ist in den letzten Jahren deutlich fundierter und zielgerichteter geworden. Viele neue Forschungsergebnisse zeigen die Effektivität dieser Maßnahme in vielen medizinischen Bereichen und bei vielen Krankheitsbildern. Meiner Meinung nach gibt es keine andere therapeutische Maßnahme, die bei so vielen Erkrankungen unterstützend oder sogar heilend eingesetzt werden kann. Der nützliche Effekt von Training, auch bei Erkrankungen, die man früher noch als problematisch oder sogar gefährlich angesehen hat (z.B. Parkinson, Osteoporose, etc.) ist mittlerweile überall anerkannt. Jetzt muss die Wissenschaft dazu beitragen, dass die Trainingsprogramme noch passender auf die Pathologien bzw. Probleme der Patienten zugeschnitten werden.

[atk] Du setzt Dich dafür ein, die Medizinische Trainingstherapie und die Manuelle Therapie wissenschaftlich fundierter zu gestalten. Warum?

[vs] Uns als Fortbildungsgruppe (FOMT-Fortbildungen für Orthopädische Medizin und Manuelle Therapie) sowie mir als Therapeut und Praxisinhaber ist es wichtig, dass wir unsere Therapie möglichst effektiv gestalten. Dies ist nur der Fall, wenn wir neue wissenschaftliche Erkenntnisse und unsere praktischen Erfahrungen in die Behandlung einfließen lassen. Dazu kommt, dass in unserem Bereich sehr viele sogenannte „Wahrheiten“ von Gurus bzw. von charismatischen Persönlichkeiten eingebracht wurden, die teilweise einfach so nicht stimmen. Wir möchten das Hintergrundwissen verbessern, um so kritikloses Abnicken von Aussagen solcher Personen zu verhindern. Es kann einfach nicht sein, dass bekannte wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert oder sogar als falsch bezeichnet werden. Das behindert die Entwicklung in unserem Bereich. Allerdings sind wir aber auch noch weit davon entfernt nur wissenschaftlich bewiesene Vorgehensweisen anzuwenden. Dann wären wir meist sehr schnell fertig mit der Therapie. Es gilt also weiter Forschung zu betreiben und uns kritisch zu hinterfragen.

[atk] Du hast mit Deinem Kollegen Frank Diemer das Standardwerk „Praxis der Medizinischen Trainingstherapie“ im renommierten Thieme-Verlag geschrieben. Wie beurteilst Du als Buchautor und Dozent den Einfluss des Internets auf die Informationsbeschaffung? Sind Bücher überhaupt noch gefragt?

[vs] Das Internet hat die Informationsbeschaffung sicherlich revolutioniert. Früher haben wir wissenschaftliche Artikel per handschriftlicher Anforderung bei den Stadtbibliotheken bestellt und Wochen später erhalten. Mittlerweile bekommen wir alle Artikel, teilweise<Monate vor dem Erscheinen der gedruckten Version im Internet. Leider können viele, insbesondere Patienten, nicht einschätzen, ob die erhaltenen Informationen im Internet von guter Qualität sind. Sie schauen sich die ersten Ergebnisse bei Google an und glauben, dass dies seriöse Informationen sind. Die ersten Plätze aber werden bekannterweise von kommerziellen Anbietern belegt, die mit ihren Angeboten Geld verdienen wollen. Mittlerweile gibt es Studien welche die  Informationsqualität im Internet untersucht haben, die klar zeigen, dass diese nicht gut ist. Auch Therapeuten versuchen im Internet Informationen zu erhalten. Wenn man weiß, wo man seriöse Informationen bekommt, ist dieser Weg eine große Hilfe, da immer mehr kostenfreie Informationen zur Verfügung stehen. Leider besteht ein wenig der Hang zur Vereinfachung komplexer Themen. Da die Informationsdichte immer größer wird, kann man manche Themen nicht mehr mit wenigen Sätzen zusammenfassen. Natürlich sind klassische Bücher auf dem Rückzug. Da es aber die meisten Bücher auch als ebooks gibt, gehe ich weiterhin davon aus, dass diese Informationsquelle von Leuten die fundiertere und tiefgründige Informationen wünschen genutzt werden.

[atk] Welche zukünftigen Entwicklungen kannst Du in der Medizinischen Trainingstherapie beobachten? Welche Rolle spielt die Technologisierung?

[vs] Es gibt eine Vielzahl von interessanten Entwicklungen im Bereich der MTT. Insbesondere die individuellere Vorgehensweise in der MTT scheint wichtig zu sein. Die Programme müssen individueller zugeschnitten werden und Patienten müssen besser in unterschiedliche Gruppen eingeteilt werden (Subgruppenbildung). Andererseits sehen wir aber auch immer noch das komplette Gegenteil (alle bekommen das gleiche Training). Im Bereich der Prävention wird sich sicherlich auch sehr vieles verändern. Was ich persönlich als sehr wichtig empfinden würde, ist eine vermehrte Nutzung der MTT auch außerhalb orthopädischer Krankheitsbilder. Die meisten Kollegen beschäftigen sich noch immer hauptsächlich mit orthopädischen Patienten. Dabei gibt es so viele andere Bereiche, bei denen man mit guter, strukturierter MTT einen unglaublichen Benefit erreichen könnte. Im Bereich der Stoffwechsel, neurologischen oder kardiovaskulären Erkrankungen wird vieles noch nicht umfassend umgesetzt. Auch die Sarcopenie als ein Krankheitsbild, welches viele geriatrische Menschen betrifft und durch MTT hervorragend behandelt werden könnte, ist fast noch völlig unbekannt.Ich hoffe weiterhin, dass in Zukunft der Faszienhype wieder etwas abebben wird. Natürlich ist die Faszie eine wichtige Körperstruktur und ihr Stellenwert wurde früher nicht erkannt. Eine ausschließlich Fixierung auf diese Struktur als Ursache für alle möglichen Probleme halte ich allerdings für problematisch. Die Kunst einer guten MTT wird sein Kenntnisse in verschiedenen Bereichen zu haben und herauszufinden was der Patient benötigt. Alles nur auf eine Struktur zu fokussieren wird den vielschichtigen Problemen der Patienten nicht gerecht. Aber viele Therapeuten wollen es einfach haben und brennen auf allumfassende Lösungen. Die Technologisierung ist sicherlich eine der auffälligsten Trends in der MTT (wie überall in unserem Leben).Insbesondere bei der Trainingsplanerstellung, der Dokumentation undVerlaufskontrolle sind sie auch eine große Hilfe. Ob man immer technologieunterstützt (App, VR, etc.) trainieren will, sollte jeder selbst entscheiden. Hier wird es auch in Zukunft unterschiedliche Vorlieben von Patienten geben.

[atk] Vielen Dank!

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