Interview mit Weltklassetrainer Henk Kraaijenhof über Trainingsmethodik, Ausbdildung und Zukunftsperspektiven.

[atk] Du hast es geschafft über einen sehr langen Zeitraum viele Spitzensportler immer wieder zu großen Erfolgen zu führen. Was sind die Grundlagen für deine erfolgreiche Arbeit?

[hk] Es gibt natürlich viele Faktoren die Einfluss haben: eine gute Nase für das Potenzial des Athleten, eine fast rücksichtslose Investition in sich selbst und seine Athleten, Neugier nach der Essenz des menschlichen Leistungsvermögens und ein Gleichgewicht zwischen Zielstrebigkeit und Flexibilität. Noch etwas kommt hinzu, was heute selten ist: Geduld. Nicht zuletzt kommt natürlich auch die Liebe zum Sport, der Respekt für den Sportler und ein bisschen Glück dazu.

Troy Douglas

[atk] Wo siehst Du in der professionellen Athletiktrainer-Community Potential für Verbesserungen?

[hk] Ein großes Problem ist das Internet, das ist der größte Informationsmülleimer. Junge Leute glauben fast alles was am Internet geschrieben wird. Die Informationen sind oft ohne Referenz, kurzlebig oder ohne jeden Wert. Es gibt keinen Filter im Internet, jeder schreibt was er will. Speziell im Bereich des Athletiktrainings ist man schon blitzschnell „High-Performance Spezialist“ oder „Erholungsexperte“ ohne jemals etwas geleistet zu haben, was diesen Titel rechtfertigt. Dazu gibt es viele „Google-Experten“ und “ Wikipedia-Wissenschaftler“, die ihre gefundene Meinung mit keinerlei Praxis unterstützen können. Das Internet schafft die Illusion des Bescheidwissens. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Ausbildung noch viel Raum für Verbesserungen hat. Hier steht besonders ein besseres Gleichgewicht zwischen Theorie und Praxis im Vordergrund.

[atk] Du bist schon sehr lange ein professioneller und analytischer Trainer. Wenn Du auf die letzten 20 Jahre zurück blickst: Was sind die wichtigsten Entwicklungen in der Trainingsmethodik?

[hk] Leider gibt es sehr wenig Fortschritte in der Methodologie, obwohl die Kenntnisse zum Beispiel in den Neurowissenschaften und der molekularen Biologie fast explodiert sind. Viele Erkenntnisse und Entwicklungen im Training kommen noch immer aus den 1970er und 1980er Jahren. Das trifft heute speziell auf Deutschland zu. Einst war Deutschland eine international äußerst angesehene Hochburg für sportwissenschaftliche und sportmedizinische Erkenntnisse und Entwicklungen, aber heute gibt es dort meiner Meinung nach nur ganz wenige qualitativ hochwertige Dinge. Vielleicht reflektiert sich das auch in der Trainerausbildung und dem aktuellen Leistungsstand in den Sportarten. Deshalb habe ich ein Projekt ins Leben gerufen: Methodologie des Trainings 2.0. Ich versuche damit moderne Entwicklungen aus unterschiedlichen Sichtweisen  in die Methodologie zu integrieren.

Ottey

[atk] Welche Entwicklungen werden im Training der Zukunft eine Rolle für Fitness, Gesundheit und Spitzenleistung spielen?

[hk] Es gibt ein paar wichtige Ansätze: Lebensführung (Lifestyle), Erholung, Schlaf, Ernährungsintegration und mehr Verständnis die Rolle der mentalen Aspekte, wie Stress.

[atk] Welchen Ratschlag kannst Du als erfahrener Coach einem jungen Menschen geben, der ein guter Trainer werden möchte?

[hk] Investiere in dich selbst und warte nicht bis ein Verein oder Verband etwas für dich macht. Denke unabhängig und (selbst-)kritisch, habe Geduld, man kann auch eine Pflanze nicht ziehen, damit sie schneller wächst. Aber finde den Unterschied zwischen „ich habe viel Zeit“ und “ ich habe alle Zeit“. Studiere immer mehr, nicht nur im Internet – weil es bequem ist – oder Bücher, höre und rede mit erfahrenen Trainern, treffe sie in der Praxis, lerne am liebsten aus Fehlern von Anderen und sicherlich auch aus den eigenen.

Abschließend noch zwei wichtige Lektionen, die ich aus meiner Trainerkarriere gelernt habe und jedem Trainer mit an die Hand gebe:
1. Trainiere so viel wie nötig, nicht so viel wicht möglich.
2. Dein Sportler und seine Leistung sind wichtiger als dein Programm.

[atk] Vielen Dank!

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