Trainer wissen, dass Reaktivkrafttraining eine effektive
Trainingsmethode zur Verbesserung verschiedener motorischer Fertigkeiten ist. Im Vorfeld der ATK 2017 sprachen wir mit Dirk Büsch, Professor für Trainingswissenschaft an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg, über aktuelle Entwicklungstendenzen des Krafttrainings im deutschen Nachwuchsleistungssport.

[atk] Im Nachwuchsleistungssport wurde das Thema Krafttraining in den letzten
Jahrzehnten in vielen Sportarten, im Hinblick auf potentielle
Überlastungsschäden, mit Skepsis betrachtet. Hat sich diese Einstellung heute
verändert?
[db] Diese Einstellung hat sich grundlegend geändert. Vielmehr ist es so, dass
mittlerweile ein Krafttraining für eine langfristige Belastungsverträglichkeit
sowie als Grundlage für die Ausführung von Bewegungstechniken als notwendige
frühzeitige Trainingsmaßnahme akzeptiert wird. Zur Vermeidung potenzieller
Überlastungsschäden wird allerdings ein vorgeschaltetes systematisches
Techniktraining für die Krafttrainingsübungen explizit eingefordert.

[atk] Nun setzt Reaktivkrafttraining (RT) hinsichtlich der orthopädischen Belastung auf den Bewegungsapparat noch einen oben drauf. Ist es überhaupt realistisch schon im NWLS ein wirksames RT zu absolvieren?

[db] Da ein RT per se auch verletzungsprophylaktisch wirksam ist, kommt es darauf an, dass zuvor die notwendigen Kraft- und Sehnenvoraussetzungen geschaffen werden und ein systematischer intensitätssteigernder Trainingsaufbau über mehrere Jahre beachtet wird. Kurz- und langfristige Probleme des Bewegungsapparats werden oftmals durch übertriebene Belastungen, z. B. einbeinige Tiefsprünge bei Kindern und Jugendlichen ohne ausreichende Vorbereitung initiiert.

[atk] Wie schätzt Du den derzeitigen Kenntnis- und Könnensstand der Trainer beim Thema Reaktivkrafttraining im NWLS ein? Gibt es möglicherweise Hinweise, wo RT bereits langfristig und erfolgreich im NWLS eingesetzt wird?

[db] Die Trainer und Trainerinnen im NWLS wissen, dass RT eine effektive
Trainingsmethode zur Verbesserung z. B. der Schnellkraft darstellt und dass die
meisten Bewegungen im Sport einen Dehnungs-Verkürzungs-Zyklus beinhalten. Über das „Wie-Wissen“ kann man sehr unterschiedlicher Auffassung sein, aber dafür gibt es Veranstaltungen wie die Athletikkonferenz, um dieses Thema zu
präsentieren und zu diskutieren. Wir lernen alle mit jeder Veranstaltung und
Diskussion dazu, da auch noch viele Detailfragen des RT empirisch noch nicht
zufriedenstellend beantwortet sind. Allerdings ist in meiner Wahrnehmung bei
diesem Thema die Leichtathletik mit ihrem Lauf- und Sprung-ABC am weitesten und ein Blick über diesen Tellerrand würde sich vielfach lohnen.

[atk] Inwiefern besitzt RT eine verletzungsprophylaktische Wirkung?

[db] Das ist zunächst ein empirischer Befund, da ein systematisches RT mit
weniger Verletzungen assoziiert ist. Dabei spielt es eine wesentliche Rolle, dass
ein RT zuvorderst auf funktionalen Anpassungsprozessen beruht. Funktionale
Anpassung bedeutet wiederum, dass Systeme, z. B. das neuromuskuläre System,
effektiver und effizienter funktionieren und dadurch unphysiologische
(Über-)Beanspruchungen, die in Grenzbereichen zu Verletzungen führen können,
eher kompensiert werden können.

[atk] Wie kann der Transfer von RT auf sportartspezifische Leistungen sichergestellt werden? Welche Rolle spielen dabei Inhalte und Methoden des
Koordinationstrainings?

[db] Wir unterscheiden im Krafttraining zwischen muskelspezifischen und
aufgabenspezifischen Zielen. Bei aufgabenspezifischen Zielen sollen bestimmte
sportmotorische Leistungen, z. B. eine Sprung- oder Wurfbewegung verbessert
werden, so dass ein systematischer Transfer nur durch ein ergänzendes Technik-
oder Koordinationstraining sichergestellt werden kann. Man könnte RT daher
bereits als ein Transfertraining von der Kraft zu den elementaren
Bewegungsfertigkeiten Springen und Werfen bezeichnen. Für den Transfer von
Reaktivleistungen in sportartspezifische Bewegungsfertigkeiten erscheint ein
zielgerichtetes ergänzendes Techniktraining ebenfalls notwendig. Wie dieser
Transfer am besten gelingt, ist neben bewährten Praxisvorschlägen allerdings
auch ein virulentes Forschungsthema, das noch mehr Beachtung verdient.

[atk] Vielen Dank!

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