Dr. Lothar Nieber sieht erfolgreichen Spitzensport in Deutschland auf dem Rückzug. Es mangelt an langfristig angelegtem Handeln, denn die Verlockung mit frühem spezifischem konditionellen Training Erfolge zu erzielen, ist zu groß.

Ende September fand die erste sportartübergreifende Fortbildung des Landessportbundes Mecklenburg Vorpommern zum Thema „Athletiktraining im Leistungssport“ statt, die von Leistungssportreferent Alexander Goltz und Dr. Lothar Nieber von der „Koordinationsschule e.V.“organisiert wurde.

Die Diskussion mit erfolgreichen Leistungssporttrainern und Trainerinnen aus Kernsportarten unseres Landes wie dem Radsport, Boxen, Kanu, Wasserspringen sowie mit Landestrainern und Leitern von Olympiastützpunkten war eine Herausforderung für die Referenten Dr. Lothar Nieber und Robert Heiduk. Unter den Trainern waren auch ehemalige sehr erfolgreiche Sportler wie die dreimalige Goldmedaillengewinnerin bei drei Olympischen Spielen im Kanu-Rennsport Ramona Portwich. Die Vorträge, die praktischen Übungen und Spiele sowie die lebhafte Diskussion brachte viele neue und auch die Rückbesinnung auf bereits bewährte Praktiken früherer erfolgreicher Zeiten. In kurzer Form zusammengefasst betrifft das folgende Erkenntnisse:

Hauptmangel des derzeit praktizierten Athletiktrainings ist seine Konditionslastigkeit

Jede Bewegungssteuerung, gleich welcher Sportart, erfolgt in einem komplexen Zusammenspiel von Sinnesorganen, Zentralnervensystem und angesteuerter Muskulatur. Wir wissen inzwischen recht gut, welche Trainingsumfänge und -intensitäten notwendig sind, um die energetische Basis für eine Wettkampfübung zu erarbeiten. Welche koordinativen Übungsinhalte mit welche Systematik trainiert werden müssen, ist dagegen deutlich weniger bekannt. Gemeinsam ist dem konditionellen wie koordinativen Training jedoch, dass er ein Überpotential erzeugen soll. Es müssen höhere Umfänge und Intensitäten sowie komplexere und schwierigere Übungen trainiert werden, als im Wettkampf selbst.

Systematische koordinativ-motorische Grundlagenbildung als Basis für spätere Spitzenleistungen

Die Trainingspraxis zeigt, dass allzu oft unter dem Druck von Vereinen, Verbänden und der Öffentlichkeit viel zu früh zu intensiv und zu spezifisch trainiert wird. Das von Nieber vorgestellte „Integrative Koordinationstraining“ zeigte einen Weg, wie man es systematisch in alle Etappen des Nachwuchsleistungstrainings einbinden kann.

In einem föderalen Leistungssportsystem, das sich zunehmend in einen Dienstleistungssektor gewandelt hat, ist das allerdings alles andere als einfach

Die Verlockung von Vereinen und Verbänden ist groß, mit frühen spezifischen und akzentuiert konditionellem Training schnelle Erfolge zu demonstrieren. Das spiegelt sich auch in dem Phänomen wider, dass wir im Anschlussbereich mit der Weltspitze in vielen Sportarten ganz gut mithalten können, der Übergang in den offenen Hochleistungsbereich aber allzu oft misslingt.

Koordinative Kompetenzen statt koordinative Fähigkeiten entwickeln

„Koordinationstraining – ja, kenne ich“, hört man nicht nur von Fußballtrainern. Mit allgemeinen Übungen z.B. an der Koordinationsleiter oder Stabiübungen ist es nicht getan. Ein Transfereffekt allgemeiner koordinativer Fähigkeiten auf sportartspezifische Techniken und Handlungen konnte bislang nicht nachgewiesen werden. Dennoch haben sie im Grundlagentraining ihre Bedeutung, müssen aber in den nachfolgenden Etappen immer sportart- und disziplinspezifischer werden. Sie sind dann schwieriger als die Wettkampfübung selbst, müssen aber ihrer Bewegungs- und Handlungsstruktur weitestgehend entsprechen.

Hier braucht es dringend die Zusammenarbeit von Disziplin- und Athletiktrainern, die eine weite Sicht auf Athletik haben.

Was Hänschen nicht lernt

Um Spitzenleistungen auf einer möglichst breiten Grundlage zu entwickeln und um die Sportler in ihrer Entwicklung nicht zu überfordern, ist ein frühzeitiger Trainingseinstieg von großem Vorteil. Das schafft die nötige Zeit, dass Kinder sich ausprobieren, Kreativität und Persönlichkeit entwickeln können und nicht zu früh in eine Sportart- und Disziplinspezifik geraten, oder in den Sportspielen gar in eine Position gedrängt werden. Realität heute ist, dass im Bereich der Bewegungskoordination im Verein nachgearbeitet werden muss, was Kinder noch vor einigen Jahrzehnten bereits mitbrachten. Die Tatsache, dass konditionelle Fähigkeiten im späteren Jugendalter noch gut entwickelt werden können, koordinative jedoch deutlich weniger, zwingt zu einem Umdenken und zu dieser erweiterten Sichtweise auf Grundlagen- und Athletiktraining, auch bei Funktionären.

Auch Trainer brauchen Ruhe und Vertrauen beim langfristigen Trainingsaufbau!

Koordinative Übungen mit besonderen kognitiven Elementen verbinden

„Aus der Umwelt und dem Körper in den Kopf und zurück in den Körper“ – könnte stark vereinfacht der Prozess der Bewegungskoordination beschrieben werden. Darum darf es bei der Auswahl und dem Einsatz von Koordinationsübungen nicht allein um elegante und schnelle und genaue Bewegungsabfolgen gehen. Immer müssen auch besondere kognitive Anforderungen integriert werden. Das betrifft vor allem visuelle, aber auch vestibuläre und propriozeptive Informationen unter verschiedenen Druckbedingungen, ohne, dass sie dem Sportler in jedem Falle bewusst werden.

Wissenschaftliche Leitfunktion der Trainings- und Bewegungswissenschaft für den Leistungssport noch gewährleistet?

Das Prinzip der Freiheit von Lehre und Forschung ist ein hohes Gut, insbesondere in der Grundlagenforschung. Aber, wenn wegen unzureichender staatlicher Förderung an den Universitäten die Lehre vernachlässigt und besonders das Einwerben von Drittmitteln für die Forschung zu einem der wichtigsten Leistungskriterien wird, ist dieses Prinzip in anderer Weise eingeschränkt. Unsere Trainer erwarten trotz aller Bedeutsamkeit der Grundlagenforschung von der Sportwissenschaft zurecht auch wissenschaftlich begründete Handlungsanleitungen von neuen Erkenntnissen der Grundlagenforschung für offene Fragen ihres täglichen Trainings.

Sportwissenschaft sollte Trainern offene Fragen ihres täglichen Trainings beantworten.

Fazit

Spitzensport gelingt für Sportler und ihre Trainer nur ganz oder gar nicht! Zu dieser Feststellung bedarf es zu aller erst einer klaren Entscheidung der Politik, die, wie in der Spitzenforschung, in der Kunst und anderen Bereichen auch, die Rahmenbedingungen dafür bereitstellen muss. Es erfordert aber auch hochmotivierte Trainer als Pädagogen und Fachexperten sowie ebenso hochmotivierte, talentierte und mündige Sportler.

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