Etwa 300 Athletik- und Rehabilitationstrainer diskutierten an der Sportschule Hennef den Status Quo im Spitzensport. Im Fokus stand dabei der Nachwuchsleistungssport. Man positionierte sich klar für professionellere Strukturen, denn für spätere Spitzenleistungen im Elitebereich, sind langfristige Vorbereitungen nötig.

Ex-TV-Journalist und Ex-Kunstturntrainer Eckhard Herholz brachte einige Versäumnisse im deutschen Sportsystem auf den Punkt: „Ich erwarte vom DOSB, aber auch von den Fachverbänden, dass es künftig nicht nur beim fiktiven Formulieren von Medaillenhoffnungen und deren nachfolgenden kritischen Analysen bleibt: Medaillen bei Olympia beginnt man über ein Jahrzehnt zuvor vorzubereiten! Das bedarf erstrangig eines höheren Wissenstandes neuer, junger Trainergenerationen, die mit wissenschaftlichem, trainingsmethodischem, pädagogischem und psychologischem Rüstzeug ausgestattet werden müssen. Zugleich bedarf es der dringlichsten Anhebung des Status, der Wertigkeit, Bezahlung und vertraglichen Bindung des Berufsstandes ‚Trainer,‘ der – wie die Erzieher und Lehrer in Vorschule, Schule und Universitäten – zu den bedeutendsten Trägern eines höheren Bildungsniveaus einer Gesellschaft gehört – den Bereich Spitzensport im System ‚Körperkultur‘ einer Nation eingeschlossen.“

Ein systematisches und langfristig angelegtes Training sei ein zu tiefst pädagogischer Prozess, der bereits die Grundlage für den Erfolg des DDR-Leistungssports war. Man müsse daher nicht zwanghaft das Rad neu erfinden, sondern sich seiner eigenen Geschichte besinnen und dieses erfolgreiche System gewissenhaft reflektieren, ohne die Ideologiekeule zu schwingen.

Im Sonntags-Podium wurde dann noch einmal herausgearbeitet, dass dem Trainer als wichtigste Bezugsperson im Sport, eine besondere Bedeutung zukommt. Zu viele Talente gingen dem Sport, nicht nur in Deutschland, verloren. Dies konnte auch Dr. Christoph Rottensteiner für den finnischen Jugendsport mit Daten belegen. „Nur 2 Prozent aller 15 bis 16-jährigen in Teamsportarten verbleiben letztendlich im Leistungssport“, so Rottensteiners ernüchterndes Fazit. Diese magere Ausbeute wurde unlängst auch nach dem bescheidenen Abschneiden der Deutschen in Rio Hierzulande medial diskutiert. Zu wenig Anerkennung und finanzielle Unterstützung lassen junge Menschen im besten Sportleralter vom Leistungssport abkehren.  Mit auf dem Podium war auch der  Journalist und studierte Sozialpädagoge Ralf Lorenzen. In seinem neuen Buch „Die Zukunft des Fußballs“ warnt er vor den Begleiterscheinungen im Jugendfußball. Die Jugendlichen würden immer früher zu Profis gemacht, um früher Einnahmen zu sichern. Der Hamburger recherchierte ein Jahr lang für sein Buch und reiste auf Fußballplätze, in Hallen und Vereinsgaststätten, interviewte  Eltern, Trainer, Scouts und Berater von der A-Jugend bis zur Nationalmannschaft, denn er wollte wissen, was wirklich hinter den Kulissen passiert. Auch das  Gegenteil von zu früher Spezialisierung gab es auf der Athletik-Konferenz zu sehen. Das Paradebeispiel für den lebenslangen Erhalt körperlicher Fähigkeiten war Johanna Quaas, die älteste Wettkampfturnerin der Welt. Ihre beispiellose Leistung am Barren lies erkennen, wie eine vollendete Symbiose von koordinativen Kompetenzen, Beweglichkeit und Kraft bis ins hohe Alter aufrechterhalten werden kann. Kommentator Herholz hob das Turnen geschichtsbewusst als „Mutter aller Sportarten“ hervor.

Die Komplexität des Athletiktrainings

Sportwissenschaftler Dr. Lothar Nieber gab zu bedenken, dass Athletik nicht nur auf Kraft, Ausdauer oder Schnelligkeit zu reduzieren sei. Breit angelegte koordinativen Bewegungserfahrungen seien für die stabile Ausbildung leistungssportlicher Techniken von besonderer Bedeutung, fänden aber heute viel zu wenig Beachtung. Bereits auf der 2. Athletik-Konferenz in 2015, brachte man sich kritisch in Stellung: „Das kurzfristige Erfolgs- und Profitdenken steht dem langfristigen Leistungsaufbau und oftmals auch der vollständigen und nachhaltigen Genesung der Spitzensportler entgegen“, so Robert Heiduk, selbst Diplom-Sportlehrer und Co-Initiator der Veranstaltung. Man war sich einig, dass die alleinige Fokussierung auf Trainingsmethoden und Rehabilitationsstrategien viel zu kurz greife. Ethisch-moralische, pädagogischer Maßnahmen, psychologische Methoden und die Anwendung didaktischer Prinzipien sollten im Rahmen der Erziehung von langfristig erfolgreichen Sportlerpersönlichkeiten vermehrt im Vordergrund stehen.

Individualisierung im Athletiktraining immer wichtiger

Wie auch im Vorjahr, lies sich die Forderung nach mehr Individualisierung im Athletiktraining auf der diesjährigen Konferenz als klarer Trend erkennen. Wunsch und Wirklichkeit weichen in der Realität jedoch immer noch zu stark voneinander ab, wusste Wolfgang Schriebl in seinem Beitrag zu berichten. Der Österreicher konnte darlegen, dass im internationalen Profifußball noch zu viele trainingsmethodische Fehler aufgrund von laienhaftem Verhalten der verantwortlichen Akteure begangen werden. Bereits auf der 1. und 2. Athletik-Konferenz, wurde die Kritik an der Widersinnigkeit des Fitnesstrends CrossFit im Athletiktraining der Sportspiele fachwissenschaftlich begründet. So stieß denn auch der Versuch CrossFit 2015 bei Werder Bremen zu etablieren auf Unverständnis bei vielen Fachleuten und das Scheitern bei den Hanseaten, wurde zum Fehlversuch mit Ansage. Leidtragende sind dann stets die Sportler. „Spieler sind leider oft Spielbälle“, bemerkte Hannover 96-Nachwuchs-Athletiktrainer Dominik Suslik bereits auf der Athletik-Konferenz 2015.

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Gernot Schweizer
Auch der erfolgreiche Individualtrainer Gernot Schweizer gab sich äußerst kritikfreudig. Seinen Ausführungen lauschten die Zuhörer mit gespannten Gesichtern noch lange nach dem eigentlichen Vortrag. Berühmt-berüchtigt wurde der Schwabe durch seine äußerst erfolgreiche Zusammenarbeit mit Österreichs derzeit erfolgreichstem Skirennläufer Marcel Hirscher. Schweizer nahm kein Blatt vor den Mund und gab zu erkennen, dass viele Hochleistungssportler zahlreiche körperliche Defizite aufweisen, die früher oder später zu Verletzungen, Stagnation oder dem Karriereende führen. Aus Schweizers Statement ging hervor, dass die hohe Komplexität und die zahlreichen Trainingskonzepte, gepaart mit gefährlichem Halbwissen, oft ein systematisches und fachwissenschaftlich begründetes Handeln im Athletiktraining verhindern.

Sportartübergreifende Informationsbörse

Für die Teilnehmer, darunter Athletiktrainer, Sportler und Physiotherapeuten, ging es auch um Neuentwicklungen auf der einzigen Spitzensportmesse im deutschsprachigen Raum. Sie diente Teilnehmern und Ausstellern als Informationsbörse im Sinne einer sportart-übergreifende Kontaktplattform. So kamen alle Akteure auch zwischen den Vorträgen ins Gespräch, um neue Trainings-Ansätze und Geräteentwicklungen zu diskutieren und Kooperationen zu schließen. „Der große Zuspruch für die Athletik-Konferenz war sehr motivierend, unsere Idee weiterzuentwickeln und im nächsten Jahr wieder in Hennef am Start zu sein“, resumierte Marek Joschko, Mitorganisator der Konferenz.

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