Dr. Thimo Wiewelhove ist Sportwissenschaftler mit Schwerpunkt Trainingswissenschaft. an der Fakultät für Sportwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Er hat zum Thema „Regenerationsmanagement im Spitzensport“ geforscht und verdeutlicht die komplexen Zusammenhänge beim Regeneration im Sport.

Du hast dich im Rahmen deiner Doktorarbeit intensiv mit bedeutsamen Fragen der Regeneration im Leistungssport beschäftigt. Kannst Du kurz skizzieren, worum es dabei ging?

Angesichts der großen Wettkampfdichte und der hohen Trainingsbelastungen im Spitzensport wird ein Monitoring von Belastung und Erholung sowie eine schnelle und effektive Regeneration immer wichtiger, um kontinuierlich hohe Leistungen zu gewährleisten und den gestiegenen psychophysischen Belastungen gerecht zu werden. Praxisleitlinien zur Diagnostik von Ermüdung und Erholtheit sowie zu Anwendungsmöglichkeiten und Wirksamkeit verschiedener Regenerationsmaßnahmen sind bislang jedoch nur lückenhaft wissenschaftlich aufbereitet. So besteht ein Defizit an evidenzbasierten Empfehlungen, nach denen sich Spitzensportlerinnen und –Sportler in der Praxis richten können. Ziel unseres Forschungsprojekts war und ist es daher, wissenschaftlich fundierte und für die leistungssportliche Praxis anwendbare Handlungsempfehlungen zur Belastungs-, Erholungs- und Regenerationssteuerung zu erarbeiten. In meiner Doktorarbeit habe ich mich dabei vor allem mit der Belastungs- und Erholungssteuerung im High-Intensity Ausdauertrainings beschäftigt.

Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus den Ergebnissen ziehen?

Diese Frage ist natürlich nur sehr schwer in dieser Kürze zu beantworten, aber es lässt sich folgendes schlussfolgern: (1.) Die Belastungsreaktionen praxisüblicher Varianten des High-Intensity Ausdauertrainings (z.B. 4 x 4 min versus Wiederholungssprinttraining) variieren zum Teil erheblich und sind nur sehr schwer vorhersehbar bzw. abzuschätzen. Daher sollte gerade im Kontext hochintensiver intervallbasierter Aktivitäten ein kontinuierliches und individualisiertes Belastungs- und Erholungsmonitoring erfolgen. (2.) Sensitive und insbesondere praktikable Parameter für ein Monitoring sind die Bestimmung der Sprungleistung (z.B. Countermovement Jump) und Creatinkinase-Aktivität im Blutserum sowie vor allem zahlreiche psychometrische Tools (z.B. Session-RPE, visuelle Muskelkaterskala, Kurzskala zur Erfassung von Erholung und Beanspruchung im Sport (KEB)). (3.) Verschiedene Erholungsmaßnahmen (z.B. Aktive Erholung, Massage, Kaltwasserimmersion, usw.) waren nicht in der Lage, die Regenerationsprozesse nach hochintensiven Belastungen zu beschleunigen. Gegenüber einer Passiven Erholung besaßen die Regenerationsstrategien weder Vor- noch Nachteile. Da sich die Regenerationsmaßnahmen also auch nicht negativ auf die Erholung ausgewirkt haben, könnten individuelle Präferenzen sowie Erfahrungen und Überzeugungen einen Einsatz durchaus rechtfertigen.

Wie erholen sich Leistungssportler am besten? Welche Empfehlungen kannst Du dem Sportler oder Trainer für die Praxis geben?

Die Befunde unserer Untersuchungen zeigten, dass die Wirksamkeit gängiger Regenerationsstrategien zur Wiederherstellung der sportlichen Leistungsfähigkeit im Mittel nicht überzeugend nachweisbar ist. Jedoch zeigte sich, dass bei Betrachtung individueller Belastungs- und Erholungsverläufe durchaus einige Athleten durch einzelnen Erholungsmaßnahmen profitierten. Die Entscheidung für oder gegen eine Regenerationsmaßnahme oder eine Maßnahmenkombination sollte daher unter Berücksichtigung der Individualität erfolgen. Individuell bewährte Strategien sind unbedingt zu erhalten. Im Sinne der Sportartspezifität sollte zudem die Anwendung von Regenerationsstrategien plausibel begründet werden. Eine Kaltwasserimmersion für Schwimmer oder ein Saunabad nach einem Tennismatch bei den Australien Open sind wohl kaum effektiv.

Unbestritten bleibt die Empfehlung einer raschen und adäquaten Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr während und nach körperlichen Anstrengungen. Auch ausreichender und ungestörter Schlaf stellt eine wichtige Grundvoraussetzung dar. Bei der Auswahl weiterer Regenerationsverfahren sind die individuellen Bedürfnisse und Vorlieben der Athletinnen und Athleten zu berücksichtigen. Nur wenn Mikroschädigungen der Muskulatur mit einhergehenden Muskelschmerzen und Entzündungsprozessen zu befürchten sind, kann zu Kälteapplikationen geraten werden (z.B. Kaltwasserimmersion oder Kryotherapie). Bei der Anwendung jeglicher Maßnahmen sind aber grundsätzlich zunächst unter Trainingsbedingungen individuelle Reaktionen, Toleranz und Verträglichkeit sowie mögliche Nebenwirkungen zu prüfen, bevor die Maßnahmen dann auch unter Wettkampfbedingungen eingesetzt werden. Hierbei sollte auch durchaus eine Placebowirkung einkalkuliert werden. Leistungssportlerinnen und –Sportler erholen sich dann am besten, wenn solche Interventionen ausgewählt werden, die als wirksam empfunden und aus voller Überzeugung verwendet werden. Dies gilt gleichermaßen für Kombinationen mehrerer Regenerationsverfahren sowie möglicherweise ebenfalls für individuell-naive Erholungsstrategien (z.B. Fernsehen, „Chillen“ oder Internet). Von neuartigen Technologien, die mit eindeutig ökonomischem Interesse vermarktet werden, ist aufgrund der geringen Effekte abzuraten.

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