Jonas Meissner koordiniert am Forschungszentrum für den Schulsport und Sport von Kindern und  Projekte im Bereich motorische Tests und Talentfindung. Er stand uns zum Thema Athletiktraining mit Kindern Rede und Antwort.

Worin unterschiedet sich das Athletiktraining im Kindes- und Jugendalter vom Athletiktraining im Erwachsenenalter?

Um den Unterschied des Athletiktrainings in verschiedenen Altersspannen zu erläutern, muss zunächst geklärt werden, was Athletiktraining bedeutet. Robert Heiduk und Lothar Nieber haben ja bereits eine trainingswissenschaftliche  Einordnung in der Zeitschrift Leistungssport gewagt. Im Konferenzband 2014 hat Robert Heiduk zudem eine komplexe Differenzierung aus sportsoziologsicher Sicht vorgenommen. Die trainingswissenschaftliche Perspektive stellte die Entwicklung von Überpotentialen in den Vordergrund. Diese Einordnung finde ich persönlich für den Hochleistungssport stimmig. Ob Physiotherapie und Rehabilitionsmaßnahmen Abzweigungen des Athletikbaums sind oder als eigenständige Begriffe dastehen sollten, müsste in Zukunft geklärt werden. Aktuell scheint der Begriff Athletiktraining für die Entwicklung und Wiederherstellung von Überpotentialen zu stehen, obwohl meiner Meinung nach die Entwicklung auch gerne von der Wiederherstellung getrennt werden darf.

Das Athletiktraining im Kindes- und Jugendalter sollte nicht nur das Ausbildungsziel von Überpotentialen in Bezug auf die Sportart haben, sondern zunächst erst einmal die Ausbildung von Potentialen für den Hochleistungssport. Das Nachwuchstraining muss physische und psychische Voraussetzungen für den Hochleistungssport schaffen und sollte sich an den bereits bekannten Ausbildungsetappen Grundlagentraining, Aufbautraining und Anschlusstraining orientieren. Die Ausbildung der sportartspezifischen Handlungsfähigkeit und Koordination ordne ich vermehrt dem sportartspezifischen Training und weniger dem Athletiktraining zu, auch wenn es an dieser Stelle bestimmt andere Meinungen von Experten gibt. Ich würde bereits im Grundlagentraining eine Athletikeinheit anbieten, in der neben der sportartspezifischen Leistungsvoraussetzung eine hohe Belastbarkeit für zukünftige Trainingseinheiten ausgebildet wird. Des Weiteren lernen die jungen Athleten, dass ein Athletiktraining dazugehört. In der nächsten Ausbildungsetappe, dem Aufbautraining, muss die Belastbarkeit stabilisiert werden, um im Anschlusstraining einen nahtlosen athletischen Übergang zum Hochleistungstraining zu gewähren. Das Athletiktraining im Kindes- und Jugendalter darf daher kein kopiertes bzw. abgespecktes Trainingsprogramm aus dem Spitzenbereich darstellen. Die primäre Zielsetzung ist die physische und psychische Ausbildung der Leistungsvoraussetzung und Belastbarkeit für den Spitzensport.

Welche Inhalte und Methoden würdest Du für den Nachwuchsleistungssport empfehlen?

Viele „Trainerautoren“ empfehlen spezielle Inhalte, neuartige Trends und propagieren ihre Methoden. Ich weigere mich bestimmte Trainingsübungen wie das Reißen und Stoßen oder „Walks“ mit dem Miniband als wichtige Trainingsinhalte zu nennen. In aktueller Literatur werden oft pauschale, sportartübergreifende Empfehlungen zu speziellen nicht-sportartspezifischen Fertigkeiten ausgesprochen und postuliert. Die Grundorientierung des Athletiktrainings im Nachwuchsleistungssport muss gemäß einer Sportart- und Athletenzentrierung erfolgen. Methoden und Trainingsgeräte sind dabei nur Mittel zum Zweck. Im Grundlagentraining kann die allgemeine athletische Basis noch als Teamtraining ausgebildet werden, aber spätestens ab dem Aufbautraining müssen individuelle Ziele gesetzt werden, was die Grundlage für einen individuelles Athletiktrainingsplan darstellt. Olympischen Gewichtheben kann durchaus eine sinnvolle Trainingsübung für den ein oder anderen Athleten darstellen, ich bin mir aber sicher, dass nicht für jeden Nachwuchshandballer diese Trainingsübung das non-plus Ultra darstellt. Je nach Position und aktuellen Leistungsstand müssen primäre athletische Ziele gesetzt werden. Im Kraftbereich sind diese nicht anhand von Kraftwerten zu bestimmen, da der Transfer noch unklar zur Zielbewegung ist. Eine Gewichtssteigerung in der Kniebeuge ist z.B. nicht gleichzusetzen mit einer Steigerung der Sprungkraft beim Rebound. Wenn ein Defizit in der Sprungkraft anhand eines Counter-Movement-Jumps erkannt wurde, könnte das Trainingsziel lauten 5cm mehr Sprunghöhe zu erreichen. Die Kniebeuge bzw. das Olympische Gewichtheben könnte dabei eine sinnvolle Trainingsübung sein. Allerdings könnte auch ein Techniktraining oder die Kontrolle des Körpergewichts von Bedeutung sein. Nun ist aber auch klar, dass nicht jeder Athlet der Mannschaft, ein Sprungkrafttraining absolvieren muss. Vielleicht haben andere ein Defizit in der Ausdauer oder Beweglichkeit.

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Jonas Meissner mit Basketballprofi Jo Lischka

Neben der Auswahl der Trainingsübungen muss natürlich auch die Belastung individualisiert werden. Nicht alle Athleten müssen zur selben Zeit ein Training nach der Dauermethode oder ein hochintensives Intervalltraining absolvieren. Dies kommt auf den aktuellen Trainings- und Entwicklungszustand an. Dabei sollte besonders das biologische Alter berücksichtigt werden. Ob eine Krafttrainingsübungen nun eher im Maximalkraft- oder im Hypertrophiebereich ausgeführt werden sollte, sollte auch individuell anhand des Kraftdefizits entschieden werden. Je höher das Kraftdefizit, desto eher würde ich in Richtung Maximalkrafttraining gehen. Mit Kraftdefizit ist der Unterschied zwischen absoluter und statischer Maximalkraft gemeint. Wenn wir jetzt wieder das Reboundbeispiel aufgreifen würden, muss ein schlechter Rebounder nicht unbedingt ein athletisches Defizit haben, es könnte auch am Timing und der Antizipation liegen, was wiederum Aufgabe des Basketballtrainers wäre.

Zusammengefasst gibt es (leider) keine speziellen und sportartübergreifenden Methoden und Inhalte für das Athletiktraining im Kindes- und Jugendalter. Besondere Übungen und Trainingsmittel zu postulieren ist nicht richtig. Das Athletiktraining sollte nicht nur in Bezug auf die Belastung, sondern auch in Hinsicht auf den Inhalt so weit es geht individualisiert werden. Kostbare Trainings- und somit auch Regenerationszeit sollte gut geplant und nicht verschwendet werden. Allgemein können alle energetischen und neuronale Systeme zu jeder Zeit trainiert werden. Der Schwerpunkt auf Schnelligkeit, Gewandheit und der Kraft liegen, was die Belastbarkeit sichert. Die frühzeitige Beanspruchung der informationsaufnehmenden und –verarbeitenden Systeme ist dafür selbstverständlich die Voraussetzung.

Inwiefern muss sich das Athletiktraining im Kindes- und Jugendalter zukünftig weiterentwickeln?

Es ist weiterhin wichtig das Nachwuchsleistungstraining zu untersuchen und zu optimieren. Ziel im wissenschaftlichen Verbundsystem sollte weiterhin die Untersuchung der sportmotorischen Leistungsvoraussetzung, Gesundheitsrisiken und der Trainingswirksamkeit verschiedener Methoden sein. Auch wenn wir in der Praxis oft der Meinung sind, dass wir alles richtigmachen, gibt es kaum handfeste wissenschaftliche Belege zur Tolerierung von Trainingsbelastung, Sicherung von Trainingseffekten und zur Belastungsgestaltung. Neben der Generierung von weiteren Erkenntnissen, muss der Praxistransfer optimiert werden. Der Transfer von theoretischen Erkenntnissen zur praktischen Umsetzung scheint weiterhin nicht einfach zu sein, da die Theorie meistens keine praktischen Umsetzungsmöglichkeiten und Handreichungen auf den Weg gibt. Trainer müssen die theoretischen Erkenntnisse daher meist eigenständig in praktische Methoden transferieren. Ob dies immer gelingt ist fraglich. Biologische Reifeprozesse, hormonelle Veränderungen und Persönlichkeitsentwicklungen können im Nachwuchsleistungssport kaum geplant werden. Zusätzlich erschweren ökonomische und anderweitige Faktoren (Schule, Hallenzeiten, Familie etc.) ein handeln nach dem Lehrbuch. Dies sind alles Gründe für einen großen Graben zwischen Theorie und Praxis im Nachwuchsleistungssport. Diesen gilt es zu schließen. Der Austausch, z.B. auf Konferenzen, ist dabei ein wichtiger Schritt.

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