Sebastian Weber, Trainer von Zeitfahrweltmeister Tony Martin, ist seit mehr als 10 Jahren im Profiradsport tätig und arbeitet momentan als „Head of human performance“ für das Profiradteam Cannondale Pro Cycling. Der Sportwissenschaftler setzt auf den sportartübregreifenden Austausch.

Sebastian, was erwartest Du von der ATK 2016?

Viele interessante Vorträge und spannende Kontakte. Die meisten Teilnehmer kommen aus den Mannschaftssportarten vermute ich. Da mein Background vor allen in den Individualsportarten liegt, freue ich mich besonders auf den Austausch mit Experten aus anderen Sportarten. Meiner Erfahrung nach kann man von Fachleuten aus den verschiedenen Disziplinen viel lernen und bekommt neue Ansätze für die eigene Arbeit.

Auf der ATK wirst Du ein Tool zur Analyse des muskulären Energiestoffwechsels, welches die energetischen Anforderungen in Training und Wettkampf abbildet, vorstellen. Wie lässt sich dieses Tool kurz beschreiben und welche Vorteile bietet es in unterschiedlichen Sportarten?

Der Grundgedanke dahinter ist die energetischen Hintergründe für eine Leistung aufzudecken. Es geht also um die Frage: wie kommt eine Leistung zu Stande und was muss sich an der Physiologie des Sportlers ändern um die Leistung zu erhöhen. Das sind recht fundamentale Fragestellungen finde ich wenn es um die Definition von Trainingszielen geht. Als Beispiel seien hier wiederkehrende, hoch intensive Sprints genannt, so wie diese z.B: im Fußball aber auch im Radsport auftreten: wie muss der Trainingszustand sein um den Geschwindigkeitsabfall bei mehreren Sprints zu minimieren? Benötigt mein Sportler eine höhere anaerobe Leistung um schneller sprinten zu können, oder eher eine höhere aerobe Leistung um sich zwischen den Sprints besser erholen zu können? Welchen Einfluss hat das Kreatinphosphat und der Körperfettanteil auf diese Leistung…? Das sind Fragen die das Tool aufklärt.

Das ist zum einen für Wettkampfsituationen interessant, mittlerweile wird das Tool aber auch zunehmend in der Trainingsanalyse eingesetzt. Hier geht es um das Wissen wie groß die aeroben und anaeroben Anteile bei einem bestimmten Drill sind. Nur so kann ich als Trainer abschätzen welche Wirkung des Training ich zu erwarten habe.

In vielen Sportbereichen ist das sogenannte HIIT (High-Intensity-Intervall- Training) Ausdauertraining momentan sehr populär. Kann man im Ausdauersport durch kurzes und heftiges wirklich Trainingszeit sparen und die zeitaufwändige extensive Dauermethode vernachlässigen?

Ganz klar: Jein! Für nicht sehr hochausdauertrainierte Sportler ist das sicherlich eine interessante Alternative, besonders weil es weniger Trainingszeit beansprucht. Für Spitzenleistungen im Ausdauerbereich – wie etwa im Straßenradsport – ist aber wiederum kein Ersatz für die zahlreichen Trainingsstunden. Ich denke es wichtig sich daran zu erinnern das verschiedene Muskelfasertypen eine unterschiedliche Sensitivität hinsichtlich der Anpassung bei hohen bzw. geringen Intensitäten aufweisen. FT Fasern reagieren bei intensiven Belastungen kurzer Dauer relativ gut im Sinne einer positiven Anpassung der aeroben Kapazität. ST-Fasern reagieren hingegen besser auf längere, niedrig intensive Reize. Entsprechend wird bereits deutlich dass HIT für eine Sportlergruppen vielleicht weniger gut geeignet ist.

Letztes Jahr konstatierte der Trainer von Lindsey Vonn, Head of Athletes Special Projects bei Red Bull, Robert Trenkwalder, der Trainerberuf habe sich durch technische Hilfsmittel sehr verändert. Inwiefern trifft das auch auf den professionellen Radsport zu?

Dem kann ich in Bezug auf den professionellen Radsport nur zustimmen. Hier traten die größten Veränderungen sicherlich mit dem Einzug der direkten Messung der Leistung des Fahrers auf. Das hat den Trainern eine komplett neue Welt eröffnet. Plötzlich war es möglich sekundengenau die tatsächliche Leistung eines Sportlers in Training und im Wettkampf sichtbar zu machen. Damit ließen sich auch recht konkrete Anforderungen für einen erfolgreichen Wettkampf formulieren. Das hat allerdings etwas gedauert, weil die Daten auf den ersten Blick sehr chaotisch aussehen und weil es eine überwältigende Vielzahl von anderen Einflussfaktoren gibt die über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Das spannende ist: der Spielsport ist gerade in einer ähnlichen Entwicklung. Durch den Einzug der GPS Sensoren – wie z.B. dem Catapult System – ist es auch hier möglich die Leistungen eines Athleten in Training und Wettkampf sichtbar zu machen. Die Einflussfaktoren welche Erfolgsbestimmend sind, sind dabei ebenso sehr vielfältig und die Daten alleine erklären erstmal noch keinen Sieg. Und was besonders spannend ist für mich: die Daten sehen genauso chaotisch bzw, stochastisch aus wie im Radsport. Wenn man die Catapult Daten eines 90min Testspiels neben einen gleich langen Ausschnitt von Leistungsdaten einer Tour de France Etappe legt, kann man die beiden nicht auseinanderhalten.

Abschließende Frage: Was macht aus Deiner Sicht einen guten Trainer aus?

Dem Sportler zu hören können. Bei all dem Know-How und technischen Neuerungen, die wir uns als Trainer aneignen können, sollten wir nie vergessen in erster Linie auf den Athleten zu hören. Wenn dann der Trainer weitere Ideen und Konzepte erfolgreiche vermitteln kann ist das sicherlich die ideale Kombination.

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