Big Data, das Schlagwort in der Kommunikation von Konzernen und Geheimdiensten, hat nun auch den Fußball erreicht: Mannschaften, Zuschauer, Medien, Spielerberater und den Spieler als kleinste Einheit.

Es gibt kaum ein Detail und sei es noch so klein, ob physisch, psychisch, taktisch, technisch, ethnisch, politisch, intern oder extern, individuell oder mannschaftsbezogen, auf das eigene Team oder dem Gegner bezogen, das nicht erfasst, gemessen, erkannt und analysiert werden kann.
Welche Vorteile und welche Gefahren bieten sich hierbei für den Athletiktrainer? Wolfgang Schriebl, derzeit als Athletiktrainer für den kasachischen Premiere League Club FC Aktobe unter Vertrag, kennt die Entwicklung der internationalen Szene aus zwei Jahrzehnten Erfahrung. Der 51-jährige arbeitet seit 1997 mit Profisportlern.

Wolfgang, welche Arten der Datenerhebung sind im professionellen Fußballtraining heute üblich?

Externes Monitoring wie LPM, GPS, Video gekoppelt mit internen wie Herzfrequenz, Blutparameter, biomechanischen Untersuchungen, Leistungstests wie Spirometrie- und Laktattests, sowie psychologische Beratung liefern Daten zur Erstellung ganzheitlicher Spielerprofile, deren Stärken-Schwächen Analysen auf für Individualtrainings genutzt werden.

Welche Vorteile ergeben sich dadurch?

Die Vorteile einer individuelleren Vorgehensweise liegen nicht nur im erfolgreicheren Spiel, sondern vielmehr in der Verletzungsprophylaxe, allgemeine Stressreduktion, Talenterkennung und Schwächen- Minimierung, um nur die wichtigsten zu nennen. Der spanische Fußballverband hat sogar ein eigenes Computerprogramm entwickelt, mit Hilfe dessen die Trainer direkt am Spielfeldrand über die Google Brille oder anderen Devices in Echtzeit Spielanalysedaten abrufen können.

Wie werden die vielen Daten im Spitzenfußball genutzt?

Es gibt keinen Konsens und keine flächendeckenden Handlungssystematiken. Die Probleme bei der Erfassung vieler Daten sind offensichtlich die Konsequenzen im Training und auf dem Spielfeld. Die Datenerhebung und -interpretation dazu benötigt oft mehrere Spezialisten. Dies führte in den letzten Jahren auch dazu, dass die Betreuerteams immens gewachsen sind. Video-Operator und Analysecoaches, Athletik-, Rehatrainer und Sportwissenschafter, Ärzte und Physiotherapeuten, Individualtrainer, Cotrainer: alle haben ihre eigenen Bereiche und ihre Betrachtungsweise, haben ihr eigenes Bild des Fußballers und des Teams. Dies führt zwangsläufig zu Reibungspunkten der Spezialisten untereinander. Der Head Coach wird immer mehr zum Manager der Spezialisten und ihrer Informationsflut.

Was sind die Konsequenzen?

Nicht selten ist dann die Konsequenz, dass ein Großteil der Informationen am Ende des Tages negiert wird und das Training wieder nach Gefühl, individueller Erfahrung und Beobachtung geplant und gesteuert wird. Ich lasse die steigende Anzahl an Spielen allein nicht als Erklärung für ganze Lazaretts von verletzten Spielern bei einigen Spitzenteams in Europa gelten, sondern man kann durchaus auch eine Trainerhistorie erkennen. Es gibt beispielsweise Trainer, die nach dem Selektionsprinzip arbeiten: „Ich habe einen Plan, eine Spielphilosophie, die ich im Training umsetze. Wer dem nicht gewachsen ist, fällt aus und raus!“. Dies ist die erschreckende Aussage eines bekannten Trainers. Oder jenes Beispiel: „Wozu Laktattests? Ich erkenne ohne dies bei jedem Training, wer fit ist und wer nicht…!“ Diese persönlichen Erlebnisse aus dem Spitzenfußball erschrecken mich, weil sie nicht zeitgemäß und unprofessionell sind.

Was sind Deine Vorstellungen für eine effektivere und verantwortungsvolle Nutzung der massenhaften Datenerhebung im Fußballtraining?

Ich denke, dass man so wenig Daten wie möglich erheben sollte. Sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren. Oftmals fehlt auch der wissenschaftliche Hintergrund der Methoden oder die Daten sind zu ungenau. Als Beispiel seien hier Beschleunigungswerte erwähnt, die durch GPS erhoben werden. Mir ist wichtig, dass der Fußballer selbst mehr in die Trainingsplanung miteinbezogen wird. Die Anzahl der „mündigen“, auch theoretisch gut ausgebildeten Fußballer ist in den letzten Jahren stetig gestiegen ist. Heute verstehen diese modernen Typen den Sinn eines schnellkraftorientierten Krafttrainings ebenso wie sie verschiedene taktische Spielsysteme kennen.

Deshalb ist es umso interessanter sich im regen Austausch mit jedem Einzelnen zu befinden, um zu erfahren, wie er sich fühlt: Spritzig, frisch, erholt, wach, energetisch, voller Motivation oder eher lethargisch. Viel hängt meiner Meinung nach auch davon ab, mit welcher Qualität er geschlafen hat, ob er ein Tag- oder Nachtmensch ist, ob er lieber spazieren und shoppen geht, oder stundenlang Playstation spielt. Ebenso wichtig ist es Veränderungen in seinem sozialen Umfeld zu erfahren. Nichts ist kräfteraubender als eine neue oder gerade beendete Liebesbeziehung, ein nachts nicht schlafen wollender Nachwuchs, oder die Eröffnung eines Schickimicki Restaurants.

Last but not least: Gerade die Euro hat uns wieder einmal klar die Augen geöffnet. Das gesamte System Fußball ist ein Sinnbild unseres heutigen Europas: Ein aufgeblähter Moloch, in dem nur noch der Profit, die Show, das Spektakel zählt. Der Fußballer ist längst zur funktionierenden Marionette verkümmert, künstlich am Leben erhalten von wenigen Protagonisten. Dabei vergessen wir viel zu schnell, dass es sich hierbei um Menschen handelt; ohne Hairstyling, Tattoos, Modelfrauen und Luxusvillen sind sie in den meisten Fällen liebenswerte, einfache Jungs mit Fehlern, Schwächen, Ängsten sowie Wünschen, Hoffnungen und Erwartungen wie Du und Ich und als solche sollten wir sie auch als Trainer begleiten und unterstützen! (Dies gilt übrigens auch für Trainer!)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s