Prof. i. R. Dr. Dieter Steinhöfer ist der Autor des Klassikers Athletiktraining im Sportspiel. Dieses Buch wird auch heute noch von vielen Sportspielverbänden als offizielles Lehrbuch in der Trainerausbildung eingesetzt. Steinhöfer war so freundlich uns drei Fragen zur aktuellen Situation im Athletiktraining der Sportspiele ausführlich zu beantworten.

Steinhöfer zu den Fragepunkten: „Dabei habe ich wieder einmal gemerkt, dass ich es offenbar kurz nicht kann. Hätte am liebsten zu jeder Frage einen Aufsatz geschrieben“.

F. Welche grundlegenden Veränderungen stellen Sie im Konditionstraining der Sportspiele in den letzten 15 Jahren fest?

Die Veränderungen sind gravierend. Spieler waren traditionell in ihrem Trainingsverhalten beharrend und konservativ. Man glaubte lange Zeit im Training mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen zu können. Das Credo war: „Spielen lernt man durch Spielen“, d. h. auch Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer, Beweglichkeit und koordinative Grundlagen werden spielend – möglichst mit Ball – trainiert. So spart man Zeit und verschenkt keine Ressourcen. Vor allem Fußballer huldigten am längsten – und huldigen z.T. noch – dieser falschen Vorstellung. Andere Sportspiele arbeiteten mit Hilfe von Hilfswissenschaften etwa seit Anfang der 70er Jahre langsam an einer innovativen überlegenen Trainingsphilosophie. Man unterschied z.B. in Trainingstypen: Komponententraining, Komplextraining und Spiel bzw. Wettspiel.

Das Komponententraining ist ausgerichtet auf einzelne isoliert herausgenommene Leistungskomponenten, etwa Kraft oder Schnelligkeit oder Ausdauer. Das Komplextraining versucht mehrere Leistungskomponenten zugleich zu schulen, etwa in spielnahen Übungen oder Trainingsformen (Drills). Der komplexeste Trainingstyp ist das Sportspiel selbst als Wettspiel, werden doch hier alle relevanten Leistungskomponenten gleichzeitig unter den Bedingungen des Wettkampfs angesprochen, einschließlich der enorm wichtigen psychischen Faktoren.

Heute ist weitgehend unbestritten, dass vor allem im konditionellen Bereich ein isoliertes Komponententraining – meist ohne Ball – unverzichtbar ist. Maximalkraft z.B. lässt sich nur sehr schlecht mit spielspezifischen Übungen trainieren, und auch das Grundlagenausdauertraining ist deutlich zielgenauer und effektiver mit entsprechenden Trainingsmethoden/-übungen ohne Ball, wie sie etwa Leichtathleten praktizieren. Individualsportarten standen also Pate. In ihnen kannte man sich inzwischen bestens aus, welche gezielten Reizsetzungen zu welchen Anpassungserscheinungen führten. Die Kunst für das Konditionstraining der Spiele bestand und besteht darin, die Inhalte, Methoden und Belastungsnormative von anderen Sportarten zu transferieren, die für das jeweilige Spiel sinnvoll und zielführend sind, aber die zu meiden, welche kontraproduktiv oder gar schädlich sind.

Die in den letzten Jahren sprunghaft gestiegene Athletik in den Sportspielen verdeutlicht, dass die Sportspieltrainer und Spieler sehr rasch gelernt haben und ihr Training den neuen Erkenntnissen angepasst haben. Dabei können heute auch völlig andere und höhere Trainingsumfänge geleistet werden als man früher für sinnvoll und/oder möglich hielt. Dennoch gilt es auch heute noch die letzten Spieltrainer der alten Schule vollends von der Notwendigkeit und Effektivität des isolierten Komponententrainings zu überzeugen.

F: In welchen Bereichen sehen Sie zukünftige Chancen und Gefahren für die Entwicklung des Athletiktrainings?

Die direkten Einflussgrößen der sportlichen Leistung sind Technik, Taktik und Kondition/Koordination. Weitere indirekte Einflussgrößen kommen hinzu. Alle bedingen sich gegenseitig – mal mehr, mal weniger – und sollten sich idealerweise unterstützen. Dabei kommt es auf die jeweilige sportartspezifische Gewichtung an. Der 100 m- Sprinter braucht weniger Taktik als der Spielsportler, dafür aber extrem viel Schnellkraft usw.. Der Spieler benötigt viel Technik und Taktik, aber zugleich – wie wir heute wissen – auch ein großes athletisches Potential. Im Training kommt es auf die optimale Mischung, Gewichtung und Ausprägung der einflussnehmenden Faktoren an. Und hier liegen die Chancen und Gefahren.

Der Begriff Athletik wird immer noch sehr unterschiedlich verstanden. Hier wird er verwendet als konditionelle Grundlagen im weiten Sinne, also Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer, Beweglichkeit und allgemeine Koordination usw.. Athletiktraining in diesem Kontext muss den Anforderungen der jeweiligen Sportart oder Sportdisziplin entsprechen und ist somit Voraussetzung für die sportartspezifischen Zielsetzungen. Chancen ergeben sich, wenn man die wichtigsten Leistungskomponenten zielgerichtet möglichst optimal schult. Gefahren im Training bestehen immer dann, wenn das eigentliche Ziel in den Hintergrund rückt, Über-, Unter- oder Fehlgewichtungen vorliegen.

Beispiele wären folgende:

1. Die Bedeutung bestimmter Faktoren wird über- oder unterschätzt, weil man die Strukturen und damit Leistungsanforderungen bestimmter Sportarten nicht gut genug kennt und somit zu Fehleinschätzungen usw. kommt.

2. Trainer wählen die Schwerpunkte im Athletiktraining nach subjektiver Einschätzung pauschal , ohne Berücksichtigung einer vorausgehenden Diagnose des Istzustandes und der Leistungsentwicklung ihrer Sportler, die ja in der Regel unterschiedlich Stärken und Schwächen haben sowie unterschiedlich auf Trainingsreize reagieren.

3. Trainer setzen ihre Schwerpunkte nach quasiideologischen Vorgaben und lassen vornehmlich das trainieren, was sie selbst besonders gut beherrschen und für optimal halten. Die inzwischen schon verbreitete Langhantelideologie Zawiejas für alle Leistungssportler ist hier ein abschreckendes Beispiel. Der ehemalige Spitzengewichtheber praktiziert als Athletiktraining vorwiegend ein Training mit der Langhantel und entsprechenden klassischen Gewichtheberübungen (z.B. Reißen, Umsetzen). Seine sophistischen Begründungen für dieses Vorgehen überzeugen unverständlicherweise viele Trainer und Sportler. Sportspielverbände machen ihn sogar zum Athletikcheftrainer. Hier besteht wirklich Gefahr einer Fehlentwicklung.

F: Was beinhaltet aus Ihrer Sicht die Fachkompetenz eines Trainers?

Vorweg: Den idealen Trainer schlechthin mit bestimmten Eigenschaften und Fähigkeiten gibt es nicht.

Schon jede Zielgruppe verlangt anderes Trainerverhalten. Es ist ein Unterschied, ob Kinder, Jugendliche, Männer oder Frauen, Mannschaften oder Individualsportler trainiert werden. Der Fitnesstrainer im Fitness-Studio benötigt andere Kompetenzen als der Trainer einer hochklassigen Fußballmannschaft. Je nach Aufgabe und Zielsetzung sind andere Kompetenzen und Verhaltensweisen gefragt. Insbesondere das unterschiedliche Leistungsniveau der Sportler erfordert unterschiedliches Trainerverhalten.

Gesichert scheint, dass bei Trainern von Hochleistungs-/Spitzensportlern die Fachkompetenz besonders ausgeprägt sein muss: Ein Trainer im Hochleistungsbereich muss nicht nur authentisch sein, sondern zugleich ein Fachmann auf vielen Feldern, d.h. ein fundiertes, breit gestreutes Wissen haben. Er sollte nicht nur die entsprechende Sportart/-disziplin sehr gut kennen, sondern zusätzlich detaillierte Kenntnisse haben in Biologie, Anatomie, Physiologie, Biomechanik, Bewegungslehre, Trainingswissenschaft, Pädagogik, Psychologie und vielem mehr, einschließlich einer exzellenten Wahrnehmung (Auge): Also die viel gescholtene und belächelte „eierlegende Wollmilchsau“. Dass angesichts solcher Anforderungen Schwerpunktsetzungen notwendig sind, versteht sich von selbst.

Leistungssportliche Voraussetzungen sind je nach Sportart oder -disziplin unterschiedlich wichtig. Ein Hammerwurftrainer muss kein exzellenter Hammerwerfer gewesen sein, aber ein Basketballtrainer sollte das Spiel auch als Spieler in der Praxis kennengelernt und erfahren haben. Je komplexer die Sportart – z.B. Sportspiele –, umso wichtiger sind wohl Vorerfahrungen auch aus der eigenen Sportpraxis. Nur, unverzichtbare Bedingung ist eine herausragende eigene sportliche Laufbahn nicht. Man muss nicht Nationalspieler gewesen sein, um eine Spitzenspielmannschaft erfolgreich trainieren zu können.

Abschließend ein Wort zum Trainertypus: Ob der Trainer mehr Freund und Begleiter oder eher die akzeptierte strenge Respektsperson ist, ist nicht entscheidend. Möglich ist beides, so oder anders kann man Erfolg haben, vorausgesetzt die „Chemie“ zwischen Trainer und Trainierenden stimmt.

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