Dominik Suslik ist Fachbereichsleiter für Athletik – Reha – Diagnostik – Therapie am NLZ von Hannover 96. Er sieht eine Reihe von systembedingten Defiziten im Nachwuchs-Athletiktraining des Spitzen-Fußballs.

Welchen Stellenwert hat das Thema Belastungs- und Beanspruchungssteuerung im Nachwuchsfußball aktuell?

Insgesamt hat die Förderung des Nachwuchsfußballs in den letzten Jahren in Vereinen, Verbänden, Schulen und beim DFB zugenommen und wurde zunehmend professionalisiert. Es gibt klare Ausbildungsrichtlinien seitens des DFB. Auch die Kommunikation zwischen Verbänden und Vereinen wird mehr und mehr optimiert.

Der Wille, junge Nachwuchsfußballer auf ihrem Weg hin zum Profifußball optimal zu begleiten, ist klar erkennbar. Nur wird das Thema Athletiktraining zum Teil noch sehr oberflächlich behandelt. Mal ist die Rede von „Fitness“, mal von „Kondition“. Der Spieler braucht Körperstabilität und eine optimale fußballspezifische Fitness. Was das heisst, kann keiner genau sagen.

Jeder Verein hat seine eigene Testbatterie, Trainingsmethoden, „Tool- Box“und zig Spezialisten, aber am Ende steht nur der „Heilige Gral“, der Fußball- Lehrer. Wer ihn hat, kommt schneller an die Macht. Eine Zwischenstation auf dem Weg zum Herren-Profi-Fußball ist der Nachwuchs-Cheftrainer-Posten. Eine spannende Aufgabe, bei der der Trainer schnell die Grundsätze der DFB Nachwuchskonzeption vergisst. So zum Beispiel, dass die individuelle Förderung vor dem Mannschaftserfolg steht. Oder, dass die Ausbildungsziele und -Schwerpunkte konsequent am biologischen und psychischen Entwicklungsstand der Kinder und Jugendlichen ausgerichtet werden sollen. Körperliche und psychsiche Überlastungssyndrome sind nicht selten die Folge.

Der DFB weist in seinem Ausbildungs-Konzept selbst darauf hin, dass die Belastungsplanung von einem Experten durchgeführt werden sollte, der in der Lage ist, den Nachwuchs-Spieler dort abzuholen, wo er heute steht und ihn nicht anhand von Trainingsübungen aus Youtube oder Trainer-Zeitschriften nach der 10.000- Wiederholungsmethode über den Platz zu scheuchen.

DFB: „Diese Forderung klingt eigentlich banal, wird aber in der Trainings- und Spielpraxis noch viel zu wenig beachtet. Zu häufig orientieren sich Trainer ausschließlich am Fußball der Erwachsenen. Als Folge dieser falschen Einstellung überfordern und demotivieren monotone Übungen oder aus dem Profifußball kopierte Systeme und Taktiken die jungen Fußballer.“

Durch die Zunahme an technischen Möglichkeiten in den letzten Jahren, nutzen viele Vereine GPS und HF-Messungen zum Beanspruchungs- Monitoring im Teamsetting. Die Frage dabei ist, wieviele Daten zu Karteileichen werden und welche Daten tatsächlich in die kurzfristige Trainingssteuerung einfließen. Leistungstests finden in der Regel quartalsweise statt, sind vom DFB gefordert, sehen professionell aus, motivieren die Spieler, nur in die kurzfristige Trainingssteuerung fliessen sie nur begrenzt ein.

Hier macht ein Umdenken in Richtung Trainingsmonitoring Sinn, d.h., gewisse Tests, wie z.B. die Sprunghöhe, werden wöchentlich, relativ unaufällig und unaufwendig, in die Trainingseinheiten integriert,um so Woche für Woche Leistungsschwankungen oder Regenerationsdefizite frühzeitig erahnen und intervenieren zu können.

Die Zahl der Funktionsteam- Mitglieder im Nachwuchsfußball steigt seit Jahren. Neben Therapeuten sind Athletiktrainer, Rehatrainer und Präventionstrainer akzeptiert. Jeder Einzelne bringt mit Sicherheit gute Ideen mit an die Arbeit, hat jedoch nur wenig bis keinen Einfluss auf die Trainingssteuerung des Teams insgesamt. Das ist nachwievor Aufgabe des Cheftrainers.  Hier sollte ein Umdenken hin zu einem gemeinschaftlichen Athletenbelastungsmanagement stattfinden.

Wie sieht es in der Praxis aus: Ist der Athletiktrainer tatsächlich nur ein Aufwärmer?

Die Praxis in verschiedenen Bundesligavereinen zeigt, dass der Athletiktrainer meist die ersten 15 bis 30 Minuten einer Einheit zur Verfügung gestellt bekommt, zum Teil bekommt er auch eine ganze Einheit für sich. Sein Einfluss auf die Gesamttrainingssteuerung ist jedoch meist nur gering. Seine Empfehlungen werden gehört, finden jedoch nicht zwingend Berücksichtigung, schließlich haben die Spieler bei der gestrigen Niederlage schlecht ausgesehen. Das gilt es am Tag danach aufzuholen. Mit Gesamtbelastungssteuerung für den einzelnen Athleten und das Team hat der Job des Athletiktrainers noch nicht ausreichend zu tun, weil es ihm häufig an Information und Kommunikation mit dem Fußballtrainer mangelt. Dieser möchte doch so gern eine gerade Zahl für das 8:8 haben, hat aber nur 15 Spieler.Da kommt er schnell mal auf die Idee, einen noch nicht voll belastbaren Spieler „gesund zu schreiben“. Wenn er Profi werden will, kann er schließlich auch nicht ständig pausieren.

Wieviel Zeit und Einfluss der einzelne Athletiktrainer hat, ist von Verein zu Verein unterschiedlich und hängt von der Vereinsführung und dem jeweiligen Cheftrainer ab, der meist sehr eigene Vorstellungen von Athletiktraining hat. „Wie geht nochmal dieses HIT? Das will ich haben!“

In meinen Augen wächst aber die Erkenntnis, dass die vom Athletiktrainer gesammelten Informationen, z.B. zum Grad der Beanspruchung des einzelnen Athleten, wertvollen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit und -bereitschaft des Einzelnen und auch des Teams haben können. Auf Sicht bedarf es eines Belastungsmanagers in jedem Verein, der die Zusammenarbeit sämtlicher Teilbereiche koordiniert und entscheidenden Einfluss aufdie Belastungsplanung für den einzelnen Athleten und die Gruppe hat. Diese Rolle sollte nicht der Cheftrainer ausfüllen, sondern ein anderer Experte. Einige Profivereine in der Bundesliga wie z.B. der BVB und der FCB leben dieses Modell im Herrenbereich vor, indem sie Positionen für „Leitende Athletikrainer“ installiert haben!

Welche Differenzierungen von Aufgabengebieten (Stichwort Head of Performance) gibt es international im Athletikbereich und wie steht Deutschland in diesem Vergleich dar?

Grundsätzlich hinkt der deutsche Fußball im Bereich Belastungs-Management im internationalen Vergleich noch hinterher. In der Premier League arbeiten fast alle Clubs mit einem so genannten „Head of Performance“, zu deutsch „Belastungsmanager“, der anhand von Daten und Einschätzungen der Therapeuten, Mediziner, Athletiktrainer, Rehatrainer, Fußballtrainer die Belastungsdosis koordiniert. Ziel ist es, die Athleten in die Lage zu versetzen, Woche für Woche mit einer optimalen Leistungsfähigkeit und auch -bereitschaft auf dem Platz zu stehen. Der Cheftrainer kann sich so voll und ganz auf seine Führungsaufgaben konzentrieren und hat im Idealfall stets alle Spieler zur Verfügung und je besser das System funktioniert, die Qual der Wahl. Wie bereits erwähnt, folgen einige deutsche Vereine dem internationalen Modell.

Für den deutschen Nachwuchsfußball macht es Sinn, unter Berücksichtigung von Alter, Geschlecht, Positionsanforderungen, gemeinsam athletische Entwicklungseckpfeiler festzulegen. Bis auf die Meinung, dass „Athletik“ ein wichtiger Bestandteil der Leistungsfähigkeit eines Fußballspielers ist, herrscht inhaltlich noch kein Konsens.

Lothar Nieber kritisiert „Hauptmangel im Athletiktraining die Konditionslastigkeit“. Kannst du dem zustimmen?

Auffällig ist, dass die Bewegungsfertigkeiten von Kindern und Jugendlichen häufig nur mangelhaft sind. Bevor wir also anfangen, uns auf Ausdauer- und Krafttrainingsmethoden zu stürzen, sollten wir sicher stellen, dass unsere Athleten ein breites motorisches Bewegungsrepertoire beherrschen.  Angefangen beim Atmen über das Laufen, Springen, Landen, Werfen, Rollen, Stützen,einen Gegenstand vom Boden aufheben, etwas Überkopf halten,etc. sind dies oft die koordinativen Bewegungsgrundlagen, die nicht beherrscht werden. Die Konditionellen Fähigkeiten wie Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit sind wichtige Faktoren in der Leistungsentwicklung junger Sportler, werden jedoch häufig in den Fokus genommen, bevor die koordinativen Grundlagen gelegt wurden.

Der ein oder andere Trainer versteht unter einem zeitgemäßen Athletiktraining, das womit er selber gute Erfahrungen gemacht. Entscheidungen werden danach getroffen, ob etwas „intensiv“, „abwechslungsreich“, „herausfordernd“ ist oder „gut aussieht“. Für den einen ist das „Crossfit“, für den anderen „Freeletics- Training mit dem eigenen Körpergewicht“. Ein anderer hält „Olympisches Gewichtheben“ für die Methode der Wahl und der nächste sagt, „Funktionales Training“ ist ein Muss für den Spielsportler und „Life Kinetik“ brauchen wir einmal pro Woche. Jedes System ist in sich stimmig. Am Ende kennt der Athlet viele Übungen und kann diese lange und intensiv praktizieren, fraglich ist nur, ob es einen Transfer zur Zielbewegung gibt und ob das koordinative und konditionelle Anforderungsprofil der jeweiligen Sportart und Position berücksichtigt wurden.

Viele Überlastungssyndrome, wie Rückenbeschwerden, Patella- Spitzensyndrom, Achillessehnenbeschwerden, etc. ließen sich verhindern, wenn der Athlet z.B. das Atmen, Abbremsen, die Kniebeuge und das Landen lernt, bevor er sich dem Stemmen von Gewichten, den 4*4min HIT- Intervall- Läufen“ oder den „30 Burpees so schnell er kann „widmet.

Hier sind nicht nur Verbände und Vereine gefordert, sondern auch die Kitas, Schulen und Eltern. Am besten wäre es, man würde ein Fach „Körperwissen und Bewegungslernen“ einführen, um Kinder, Jugendliche und Eltern für eine gesunde Lebensweise zu sensibilisieren. Für den Athletiktrainer gilt es, jeden Trainingsblock, sei er auch noch so kurz, zu nutzen, um den Athleten, das Bewusstsein für die Bedeutung der o.g. Fertigkeiten mit auf den Weg zu geben und deren Training gezielt einzubauen. Pro Block reicht eine Fertigkeit!

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