Dr. Lothar Nieber äußert seine Bedenken über die nach seiner Auffassung einseitige Ausrichtung des Athletiktrainings an konditionellen Fähigkeiten.

Du hast in den Sportspielen schon bei mehreren Bundesligisten im Nachwuchsbereich gearbeitet. Wie beurteilst du den aktuellen Stand der koordinativen Kompetenzen unserer Nachwuchsleistungssportler?

Das ist sehr differenziert zu betrachten. Einerseits gibt es äußerst gewandte Spieler, die ihre technischen Fertigkeiten unter verschiedenen Druckbedingungen taktisch effizient einzusetzen vermögen und damit eine hohe Spielkompetenz bereits im frühen Nachwuchsbereich besitzen, andererseits weist ein erheblicher Anteil an Nachwuchsspielern Defizite in der breiten koordinativen Grundausbildung auf. Eine zu frühe Spezialisierung ohne koordinative Grundlagenbildung halte ich nach wie vor für einen Fehler.

Wie sieht es mit den aktuellen Trainerkompetenzen auf diesem Gebiet aus?

Es ist den Trainern nicht anzulasten, dass sie auf dem Gebiet des Koordinationstrainings, wenn überhaupt, immer noch auf dem Niveau der 70er und 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts arbeiten, als das Fähigkeitssystem der Leipziger und Greifswalder Schule um Hirtz, Schnabel, Blume, Zimmermann u.a. dominierte. Hier sind die Spitzenverbände gefragt, ihre Aus- und Fortbildungskonzepte auf diesem Gebiet zu überarbeiten.

In welche Richtung sollten sich Athletik-Trainer in den Sportspielen orientieren, wenn sie zukünftig handlungsfähige Spieler produzieren wollen?

Den gegenwärtigen Hauptmangel im Athletiktraining sehe ich in seiner Konditionslastigkeit. Zudem ist der Begriff auch in der Trainings- und Bewegungswissenschaft weniger gebräuchlich. Hier ist eine klare Begriffsbestimmung nötig. Eine Gefahr sehe ich auch in der einseitigen Orientierung auf kommerzielle Anbieter im Athletiktraining, die ja in der Regel nicht den gesamten komplexen Bereich des Athletiktrainings abdecken. Schnelle einseitige und frühe Erfolge im Kraft- oder Ausdauerbereich helfen im Nachwuchsleistungstraining wenig, wenn man die Gesamtheit konditioneller und koordinativer Grundlagenbildung aus dem Auge verliert. das ist heutzutage umso bedeutsamer, weil diese Grundlagenbildung im Schulsport nicht mehr in ausreichendem Maße erfolgt. Bei Wahrnehmungsleistungen insbesondere bei der Auge-Hand-Koordination sind unsere Kinder besser als noch vor Jahrzehnten. In der Ganzkörperkoordination hapert es dagegen gewaltig.

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