Dieter Steinhöfer über die Entwicklung des Berufsfeldes Athletiktrainer und wie sich Trends in den letzten Jahrzehnten stetig ablösen und wiederkehren.

Wodurch erhielt der Beruf des Konditionstrainers in den Sportspielen eine Aufwertung?

Ein Beruf als Vollerwerb ist der des Konditionstrainers für Sportspiele bis heute offenbar nur für wenige. Eine anerkannte und standardisierte Berufsausbildung gibt es bis nicht. Selbst im Spitzenfußball – wo die Bedingungen eigentlich ideal sind – hat dieser Beruf nicht die Bedeutung, die er verdient. Lange Zeit während des vorigen Jahrhunderts spielte in Deutschland ein systematisches Training der konditionellen und koordinativen Grundlagen in den Sportspielen eine nur untergeordnete Rolle.

Vor allem das mit Abstand populärste Sportspiel Fußball tat sich schwer, neuere Erkenntnisse der athletischen Ausbildung aufzunehmen und ins Training umzusetzen. Die Athletik, sollte nach Vorstellung der meisten Trainer spielerisch und spielend – in der Regel mit Ball – geschult werden. Die erste Auflage (2003) meines Lehrbuchs „Athletiktraining im Sportspiel“– inzwischen 2015 in der 3. Auflage – traf also den Nerv vieler Sportspieltrainer nach neuen und trainingswissenschaftlich begründeten Informationen. Viele weitere Faktoren, vor allem auch Einflüsse aus dem Ausland und aus anderen Sportspielen, verstärkten das Interesse am Konditionstraining, gerade für die Zielgruppe der Spielsportler , wenngleich viele unter dem Begriff Konditionstraining fälschlicherweise eher eine Art Ausdauertraining verstanden und somit die Komplexität der Athletik zu wenig im Blick hatten.

Immerhin verstärkte sich die Nachfrage nach Konditionstrainern. Dennoch sind bis heute selbst in Spitzenclubs nicht überall volle Arbeitsstellen für solche Aufgaben eingerichtet, und selbst wo es Konditions- Trainerstellen gibt, werden die Stelleninhaber häufig zu wenig in das übergreifende Technik- und Taktikkonzept der Cheftrainer eingebunden. Ein wirklicher Vollerwerbsberuf ist der des Konditionstrainers für Sportspiele immer noch nicht bzw. allenfalls für wenige. Ob sich in diesem Punkt fortschrittlicheres Denken durchzusetzen beginnt, ist zu bezweifeln. Finanzielle Engpässe sind vor allem bei Proficlubs häufig auch nur vorgeschoben. Fakt ist, dass in der Hierarchie der Trainer der Beruf des Konditionstrainers immer noch recht niedrig angesiedelt ist.

Inwiefern profitieren Trainer von einem soliden trainingswissenschaftlichen Hintergrundwissen?

Trainingswissenschaftliches Hintergrundwissen ist nicht nur wünschenswert, es ist vielmehr unerlässlich. Das gilt keineswegs nur für theoretisches Grundlagenwissen wie anatomische und physiologische Grundlagen, Trainingsprinzipien, Belastungsnormative usw. Natürlich muss der Trainer die Voraussetzungen kennen und berücksichtigen, die den vielfältigen Lern- und Trainingsprozessen zu Grunde liegen. Wie sonst sollte er die wichtigen Inhalte und Belastungen wählen! Wer nicht weiß, was wirkt und wie es wirkt, welche Bedingungen erfüllt sein müssen hinsichtlich Alter, Geschlecht, Leistungsvermögen, Zielsetzung usw. stochert wie ein Blinder im Nebel.

Er ist anfällig für jegliche mehr oder weniger zufälligen Einflüsse von außen, kann Wichtiges nicht von Unwichtigem oder gar Falschen trennen, ist also, um erfolgreich zu sein, auf glückliche Zufälle angewiesen. Aber auch die wissenschaftliche Aufarbeitung des Trainings bietet keine Gewähr für optimales Training in der Praxis. Seit ihrer wissenschaftlichen Etablierung bis heute ist auch die Trainingswissenschaft immer in Gefahr, falschen Informationen zu trauen und neuen nicht validierten Trends zu folgen. Erst im Abgleich der wissenschaftlicher Erkenntnisse mit Erfahrungen aus der Praxis ließen und lassen sich Trainingsfehler minimieren oder vermeiden.

Gerade heute werden wir mit immer neuen Marketingbegriffen, Trends und Pseudowissen überschüttet, die – aggressiv – vorgetragen – viele Anwender blenden. Sogar neue „Sportarten“ werden erfunden, weil man glaubt, alles Neue offenbar gut vermarkten zu können. Je mehr Hintergrundwissen der Trainer hat, je besser er in trainingswissenschaftlicher Theorie und Praxis informiert ist, umso eher ist er in der Lage, die Spreu vom Weizen zu trennen, sich selbst ein Bild zu machen und nicht jedem Guru blind zu folgen. Immer stellen sich die Fragen nach der Zielsetzung, dem Was, Wie und Warum auf der Basis heutigen Wissens.

Was bedeutet für Sie „Innovation“ im Training?

Innovation heißt Erneuerung. Natürlich bedarf auch das sportliche Training steter Erneuerung und Optimierung. „Panta rhei“, alles fließt, nichts ist für die Ewigkeit. Schwieriger zu beantworten ist die Frage, was Erneuerungen im Training sind. Wie schon in der Beantwortung der vorigen 2. Frage angeklungen (s.o.), ist es gerade in der heutigen Zeit nicht immer leicht, Neues und Wichtiges von Marktmechanismen und Pseudowissen zu unterscheiden. Neue Entwicklungen müssen stets hinterfragt werden, auf welcher Basis und mit welchen Intentionen sie entstanden sind. Dazu benötigt man solides Hintergrundwissen. Häufig erweist sich, dass die richtige Anwendung und Fortentwicklung grundlegender Gesetzmäßigkeiten zum Training wichtiger sind als die stete Suche nach Neuem. Neues ist nicht immer Innovation im eigentlichen Sinne des Wortes. Viele neue Fitness-Trends – auch sogenannt neue Trainingsmethoden – sind häufig eher kontraproduktiv und schädlich.

Allerdings ist es selbst für Fachleute bis heute nicht immer einfach, bloße Trends zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Hier drei Beispiele aus unterschiedlichen Phasen der Etablierung der Trainingswissenschaft:

Beispiel 1

In den 50er und 60er Jahren dominierte das „Freiburger Intervalltraining“ von Reindell, Rosskamm & Gerschler das Training der Ausdauer schlechthin. Die Mediziner Reindell und Roskamm glaubten sogar physiologisch begründen zu können, warum solches Training am besten geeignet sei, die u.a. angestrebte Herzhöhlenvergrößerung herbeizuführen. Erst später, als Praktiker des Trainings aus Neuseeland und Australien mit Ihren Athleten – und anderen Trainingsmethoden – international erfolgreicher waren und somit zur Ablösung des ausschließlichen Intervalltrainings beitrugen, erkannte u.a. selbst Roskamm, dass entgegen den früheren Annahmen die Verbesserung des Herzminutenvolumens beim Dauertraining der entscheidende Reiz für die Herzvergrößerung sei, d.h. also nicht die unvollständige Pause wie vorher angenommen.

Beispiel 2

In den letzten 10 bis 15 Jahren propagierten Zawieja und Co-Autoren die Wirksamkeit Langhanteltrainings mit Gewichtheberübungen für viele Sportarten, u.a. auch die Sportspiele. Erst als in jüngster Zeit (2014) von diesen Autoren der Anspruch erhoben wurde, solches Langhanteltraining sei das Athletiktraining für alle anderen Sportarten schlechthin, regte sich Widerstand (vgl. das Streitforum der Zeitschrift „Leistungssport“ 2014 (2), S.47-48; (3), S.45-48; (4), S.37-38).

Beispiel 3

Heute wird von vielen Autoren das High-Intensity-Training (HIT) in vielen Varianten als besonders wirkungsvoll angesehen, und zwar nicht nur für die Kraftschulung Schulung – wie ursprünglich entwickelt und erprobt – sondern auch die Verbesserung Ausdauer und anderer Trainingsziele. Abgesehen von den bis heute verwirrenden definitorischen Ungereimtheiten dieser Trainingsform – oder auch Trainingsmethode – stellt sich die Frage, ob nicht alter Wein in neuen Schläuchen angeboten wird, diesmal aber noch ausgeweitet auf zusätzliche Trainingsziele. Die Nähe zum Intervalltraining alter Prägung ist jedenfalls nicht zu übersehen. Aber die Fehler dieses Intervalltrainings sind inzwischen weitgehend in Vergessenheit geraten, und offenbar nur Trainingswissenschaftler der ersten Stunde erinnern sich noch.

Was also ist innovativ, was weniger? Welche Entwicklungen oder Fehlentwicklungen sind rechtzeitig zu erkennen und zu würdigen?

Ein weites und spannendes Feld.

Dieter Steinhöfer

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