Horst Allmann Dipl. Sportlehrer Sportwissenschaftler Biomechanik, Bewegungs-/Trainingslehre ehem. Institut für Biomechanik an der DSHS Köln
Der Begriff Athletiktraining ist in der trainingswissenschaftlichen Literatur nicht eindeutig definiert.

Auch eine Anlehnung an das alt- und neugriechische „athlos“ bzw. „athlon“ = „Wettkampf“ und das lateinische „athleta“ = „Wettkämpfer“ ist für eine engere Begriffsdefinition nicht sehr hilfreich.
Geht man von einem „populären“ Spontanverständnis des Athletikbegriffs aus, so spielt die Kraft in ihrer dynamischen, bewegungsstrukturellen und gestaltspezifischen Erscheinungsform eine wesentliche Rolle. Letztere prägt den sog. Athletentypus, z.B. im Vergleich zu dem etwas kraftentfernteren Marathonläufer. Wesentliche Inhalte eines Athletiktrainings sind – gegenüber einem allgemeinen Krafttraining – eine sportart- bzw. disziplinspezifische Ausrichtung des Krafttrainings möglichst nah an der Dynamik und Bewegungsstruktur der angestrebten Zielbewegung. Ein solches „funktionelles Muskeltraining“ (Functional Training) beruht auf einem Training bewegungszielorientierter, ganzer Bewegungsabläufe und ihrer Muskelketten bei hoher Körperstabilisation. Letztere ist Gegenstand des sog. „Core-Trainings“ als wesentlicher Bestandteil des funktionellen Athletiktrainings, da nur über eine stabile Rumpfmuskulatur effektiv Kraft auf die gesamte, aktivierte Muskelkette übertragen werden kann.
Eine weitere Dimension des funktionellen Athletiktrainings ist, den Athleten in eine komplexer werdende, instabile Gleichgewichtssituation zur Stabilisierung und Balance zu versetzen. Da Gleichgewicht sportartspezifisch trainiert werden muss, ist die Kenntnis der zu trainierenden Muskelschlingen notwendig. Dies ist wesentlicher Inhalt des proprio-rezeptiven Trainings (Propriorezeption – falsch: Propriozeption -: lat. proprius=selbst, eigen und recipere=wiedererlangen).
Ein funktionell ausgerichtetes Athletiktraining erhebt neben dem Anspruch auf Leistungs-steigerung auch den Anspruch auf Ganzheitlichkeit unter Einbeziehung des Trainings der Schnelligkeit, Schnellkraft, Explosivkraft, Balance, Stabilität, Flexibilität, Koordination und Ausdauer je nach Belastungsprofil der Sportart.
K. Wirth, A. Schlumberger, M. Zawieja und H. Hartmann grenzen in ihrem Buch „Krafttraining im Leistungssport“ (Sportverlag Strauß, Hrsg. BISP, 2010) die Inhalte eines Athletiktrainings vom allgemeinen Krafttraining, das im Kraftraum stattfindet, als Ergänzungstraining zu diesem ab. Hauptunterscheidungsaspekte sind nach diesen Autoren: Übungen und Bewegungsabläufe nahe der Zielbewegung der jeweiligen Sportart/Sport-disziplinstatt höherintensive Kraft-Grundübungen wie Kniebeugen, Bankdrücken u.a. geringlastige Übungen mit höheren Bewegungsgeschwindigkeiten, hoher Bewegungsqualität bei möglichst geringer Ermüdung.
Erst eine Vervollkommnung der Bewegungstechnik macht ein Krafttraining effektiver.
Das vielfach erklärte Kernprinzip des Athletiktrainings, möglichst nahe dynamisch und bewegungsstrukturell an der Zielbewegung zu trainieren, ist nicht unbedingt auch eine Annäherung an das reale Innervationsverhalten der Zielbewegung mit unterschiedlich vielen, ausführungsrelevanten dynamischen und kinematischen Randbedingungen, die in der Annäherungsform nicht trainiert werden. Deshalb ist die zeitnahe Kopplung der Trainingsform mit der realen Zielbewegung für einen effektiven Transfer der Trainings-übung unbedingt erforderlich.
Viele der Zieltechnik angenäherte Übungen entgegen der Schwerkraft sind erst durchführbar, wenn Kraftdefizite bestimmter Muskelanteile der Zielbewegung durch isoliertes Krafttraining mit höheren Widerständen beseitigt werden. So sind z.B. für den Stabhochsprung komplexe Aufrollbewegungen an Seil, freiem oder Wand-Reck nicht möglich, wenn ausführungsrelevante „Teilmuskeln“ der Muskelkette zu schwach sind. Dies gilt auch für viele Übungen aus dem Geräteturnbereich. Eine Auslagerung eines solch vorbereitenden, isolierten Krafttrainings aus dem Athletiktraining (siehe K. Wirth et al. 2010) wäre kontraproduktiv und nicht akzeptabel.
Ist die Verbesserung der Schnellkraft und Explosivkraft im Athletiktraining ein definiertes Ziel, so sind techniknahe, schnellkräftige Übungsausführungen der angestrebten Ziel-übung bei geringen Widerständen (Schnellkraft-Methode) auch bei guter technischer Ausführung nur wenig erfolgreich. Die Maximalkraft-Methode mit höheren Belastungen ist grundsätzlich die Führungsmethode sogar bei zielunspezifischen Übungen. So hat z.B. die unspezifische tiefe Kniebeuge mit hohen Belastungen für schnellkräftige Sprint- und Sprungleistungen eine hocheffektive Wirkung. Ausschließlich schnellkräftige Sprint- und Sprungvarianten sind nur Transferübungen der durch tiefe Kniebeugen angehobenen Maximalkraft der Bein-Hüft-Streckschlinge in die Zielbewegung Sprint und Sprung. Die zeitnahe Kopplung mit der Zielübung ist für einen hohen Wirkungsgrad des Trainings entscheidend.
Die Qualität der Bewegung bei hoher Körperstabilität ist die Basis des (funktionellen) Athletiktrainings. Der Trainingspfad geht über die diagnostische Aufdeckung des dyna-mischen und strukturellen Bewegungsmusters der Zielbewegung und Trainingsübungen nahe diesem Bewegungsmuster von einfach bis komplex mit Fehlerkorrektur. Nach Technikstabilisierung kommt das Training der athletischen Bausteine Maximalkraft, Schnellkraft, Explosivkraft, Schnelligkeit, (Kraft-)Ausdauer, Koordination, Beweglichkeit und Stabilität hinzu – auch im Kraftraum.
Athletiktraining ist mehr als nur die reine „Simulation“ zielnaher Bewegungen unter erleichterten Bedingungen. Athletiktraining ist die Gesamtheit aller Trainingsinterven-tionen zur Erreichung, Erhaltung und Verbesserung sportart-/sportdisziplinspezifischer Bewegungsleistungen. Dabei ist die Kraftfähigkeit im Vergleich zu überwiegend ausdauerorientierten Sportarten eine kennzeichnende Fähigkeit.

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